Männlichkeit und Homosexualität Der feine Unterschied zwischen schwul und schwul

Der feine Unterschied zwischen schwul und schwul zeigt sich auf dem öffentlichen Parkett: Im Gegensatz zu Fußballern können manche Politiker zu ihrer Homosexualität stehen und dabei Karriere machen - allerdings unter gewissen Bedingungen. In seinem Buch über Outings von schwulen Politikern fasst der Soziologe Andreas Heilmann diese Voraussetzungen zusammen, der Titel: "Normalität auf Bewährung". Darin heißt es unter anderem: "Der offen homosexuelle Politiker bewegt sich genau so lange im zulässigen Toleranzbereich, wie er seine Männlichkeit glaubhaft von der Weiblichkeit abgrenzen kann. Außerdem muss er sich anhand einer festen Partnerschaft als sexuell kontrolliert darstellen."

Dass es akzeptiert ist, wenn ein Außenminister oder Berlins Regierender Bürgermeister offen schwul lebt und regiert, hat also einen bestimmten Grund: "Homosexuelle Partnerschaften werden toleriert, solange sie sich an Hetero-Werten orientieren", erklärt Scholz. "Sobald sie nicht diesen Normen entsprechen, wird es kritisch." Die Konsequenzen für einen Verstoß gegen diese "Bewährungsauflagen" beschreibt der Blogger Steven Milverton auf seiner Webseite: "Dem heterosexuellen Politiker wird man allenfalls seine Vielweiberei ... vorwerfen, niemals aber seine Heterosexualität an sich. Dem schwulen Politiker wird man ... nachhaltig und intensiv seine Homosexualität vorhalten."

Die letzte Bastion des heterosexuellen Mannes

Doch selbst wenn Thomas Hitzlsberger einen Mann geheiratet hätte und mit ihm eine Doppelhaushälfte bewohnen würde - als aktiver Fußballer konnte er offenbar nicht darauf vertrauen, dass man ihm diese "Normalität auf Bewährung" zusprechen würde. Weil der Fußball als eine der letzten Bastionen des heterosexuellen Mannes gilt: "Fußballer stehen noch immer als Symbol für Männlichkeit", sagt Scholz. "Trotz der Existenz von Frauenfußball schauen die meisten Männerfußball, er spielt für die nationale Identität eine zentrale Rolle. Schon immer haben Männer das Nationalgefühl stärker verkörpert als Frauen."

Bemerkenswert ist, wie sich die Repräsentanten des als homophob geltenden Fußballs nach einem Torerfolg verhalten: Da springen Spieler sich gegenseitig an, liegen manchmal in mehreren Schichten aufeinander, liebkosen und herzen sich sogar. "Das funktioniert eben genau unter der Prämisse, dass diese Spieler alle hetero sein müssen", erklärt Scholz. Sportarten wie Fußball seien die einzigen gesellschaftlichen Bereiche, in denen sich auch Männer bedingungslos und uneingeschränkt in die Arme fallen dürften - Spieler wie Fans.

Doch was, wenn der erste aktive Spieler sich outet? Werden dann solche Rituale überhaupt noch möglich sein oder schleichen die Herren erst einmal misstrauisch umeinander herum und klären, wer wen knuddeln darf und bei wem ein Handschlag reichen muss? "In diesem Fall müssen die Beteiligten neu aushandeln, wie sie damit umgehen wollen", sagt Scholz. Das Beste wäre natürlich, die sexuelle Orientierung würde keine Rolle mehr spielen und wäre losgelöst von diesen Ritualen. "Dann würde der Beschimpfung 'schwul' auch die Luft rausgenommen werden. Und der Fußball könnte wirklich eine Vorbildfunktion haben."