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Geschichte der Hebammen:Ordnung und Wissen gegen Chaos und Aberglaube

Aber die Hebammen waren zäh, sie wussten sich immer schon zu helfen. Also setzten sie dem Chaos und dem Aberglauben möglichst viel Ordnung und Wissen entgegen: Im ausgehenden Mittelalter entstanden Berufsordnungen für Hebammen. Mit der wahrscheinlich frühesten, bereits 1452 in Regensburg verfasst, wurde erstmals der Stand der geschworenen Hebamme geschaffen und eine einheitliche Ausbildung organisiert. Von da an regelten in immer mehr Regionen Verbote und Gebote die Arbeit der Hebammen - nicht immer zum Schlechtesten der Mütter.

So wurde 1580 Schäfern und Hirten in Württemberg das Entbinden verboten; für ein kleines Zubrot hatten sie bis dahin noch gerne ihre Lämmerscheren in der Geburtshilfe eingesetzt. 1568 verfügte Preußen, Hebammen dürften nicht mehr betrunken arbeiten - Geburten waren in der frühen Neuzeit oft Feste, bei denen kräftig gegessen und getrunken wurde.

Schritt für Schritt wurde der Berufsstand somit aufgewertet, von einer Geste weiblicher Nachbarschaftshilfe zu einem angesehenen Beruf. Das aber brachte neues Ungemach: Es rief die Männer auf den Plan und damit einen Konflikt, der im Grunde bis heute nicht ausgestanden ist, im Gegenteil; es ist der Konflikt zwischen Ärzten und Hebammen. Für viele ist es auch ein Konflikt zwischen Männern und Frauen, für manche gar ein Glaubenskrieg, in dem die Vorwürfe irgendwo im weiten Spannungsfeld zwischen den Polen "Kaiserschnitt-Terror" und "Barfuß-Hokuspokus" mit Wucht aufeinanderprallen.

Männer drängten in die Frauendomäne

Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, in der Mitte: Jahrhundertelang hatten die Frauen in der Geburtshilfe ihre Ruhe gehabt. Männer hielten es für unter ihrer Würde, in diesem Fach selbst Hand anzulegen. Väter durften während einer Entbindung allenfalls dafür sorgen, dass genug Wasser bereitstand, und Chirurgen wurden erst gerufen, wenn eine Gebärende in den Wehen gestorben war. Als sich 1521 ein Doktor Veites in Hamburg als Bademutter verkleidete und Frauen in Kindsnöten zur Hilfe eilte, wurde er kurzerhand verbrannt.

Je mehr sich der Berufsstand aber professionalisierte, mit desto mehr Macht drängten Männer in die Frauendomäne. Zunächst beanspruchten sie lediglich, den Hebammen das Examen abzunehmen. Dann richteten sie - auch angesichts der hohen Säuglingssterblichkeit - an mehreren Universitäten "Accouchierhäuser" ein. Als Nächstes wurde ab dem 18. Jahrhundert an chirurgischen Fakultäten geburtshilflicher Unterricht angeboten.

Wie sehr sich schon Anfang des 19. Jahrhunderts die Einstellung der Ärzte zur Geburtshilfe gewandelt hatte, zeigt ein Schreiben des Marburger Medizinprofessors Georg Wilhelm Stein aus dem Jahr 1801, in dem er erklärte, die akademischen Lehrer müssten den Hebammen "die Gränzen ihres Handwerks" deutlich machen: "Man müsste sie mehr vor demjenigen warnen, was sie nicht thun; als sie lehren wollen, was sie thun sollen", schrieb er. 1829 ergänzte der Gynäkologieprofessor Eduard Caspar Jacob von Siebold aus Göttingen: "Es möchte jedoch die Geburtshülfe von Männern ausgeübt, unbedingt den Vorzug erhalten."

Siebolds Wunsch ging endgültig in Erfüllung, als im 20. Jahrhundert das Geburtsgeschehen fast ausnahmslos in die Kliniken verlegt wurde. Schon 1960 wurde jedes zweite Kind im Krankenhaus auf die Welt geholt. Heute sind von Hebammen betreute Hausgeburten die absolute Ausnahme.

Frauen wie die freiberufliche Hebamme Verena Mangold aus München beschränken sich mittlerweile auf die Geburtsvorbereitung und die Wochenbettbetreuung, ein wichtiges Feld ihrer Arbeit, die Geburtshilfe, hat sie nach 20 Jahren aufgegeben. "Man muss schon sehr idealistisch sein, um zu versuchen, davon zu leben", sagt Verena Mangold, steigt vor ihrer Praxis auf ein blaues Fahrrad und radelt zum nächsten Termin - für Anfahrten mit dem Auto bekommt sie nur 59 Cent pro Kilometer, das lohnt sich nicht.

Es ist eine bittere Pointe, dass es nur eine Zeit gab, in der die Hebammen politisch massiv gefördert wurden - das war unter den Nationalsozialisten. Im Zuge ihrer rassischen "Gesundheits"- und Familienpolitik machten sie die Hebammen zu "Hüterinnen der Nation" und schrieben jeder schwangeren Frau per Gesetz eine "Beziehungspflicht" zu einer Hebamme vor. Den Frauen wurde die Pflicht auferlegt, die Familien zu Hause auszuspionieren, Fehlbildungen und Krankheiten von Neugeborenen zu melden und "lebensunwertes" Leben aufzuspüren. Teilweise wurden sie auch zu Zwangssterilisierungen und zu Abtreibungen hinzugezogen.

Ausgerechnet jene Zeit, in der die Hebammen wie nie zuvor geschätzt wurden, war das Grauen.