Geschichte der Hebammen Das konnte nicht lange gutgehen

Diesen Skandal muss man sich erst einmal vorstellen: Auf einmal waren es Frauen, die Macht hatten über den Besitz der Oberschicht. Frauen, auf deren Hilfe die reichsten und mächtigsten Männer angewiesen waren. Frauen, die Kenntnisse hatten, von denen die männlichen Ärzte nur abschreiben konnten - es wird vermutet, dass Soranus sein Werk aus Überlieferungen von Hebammen zusammengestellt hat, schließlich durften Ärzte das weibliche Genital nicht berühren und keiner Geburt beiwohnen.

Selbst der berühmte Arzt Paracelsus gestand Jahrhunderte später: "Alles Wissen, das ich über die Medizin und die Wirkung der Heilkräuter habe, weiß ich von den Hexen und weisen Frauen." Das konnte ja nicht lange gutgehen.

Ging es auch nicht. Mit dem frühen Mittelalter begann das Leben als Hebamme gefährlich zu werden - durch das alle Lebensbereiche dominierende Christentum. Das alte Wissen schwand, es war eine Zeit der latenten Ketzerei, die Kirchen wähnten hinter jeder Ecke den Teufel am Werk.

"Keiner schadet der katholischen Kirche mehr als die Hebammen"

Vorerst wurden die Hebammen deshalb "nur" in den Dienst der Pfarrer gezwungen: Sie hatten die Pflicht, alle Neugeborenen persönlich zur Taufe zu bringen und im Fall eines Kindstods unter der Geburt die Nottaufe vorzunehmen. Waren sie zu einer Ledigen gerufen, mussten sie die Abstammung des Neugeborenen ausforschen und melden. Und holten sie ein behindertes Kind zur Welt, hatten sie die Mutter anzuzeigen.

So heißt es zum Beispiel im Eid der Hebammen der Stadt Aachen von 1537: "Solange ich Weißfrau bin, soll ich meinem Herrn Proffion (Pfarrer) getreu und hold sein und alle heimlichen Kinder meinem Herrn Proffion und der heiligen Send ansagen und keine außerhalb der Stadt Aachen und anderswohin zur Taufe tragen."

Doch es sollte noch schlimmer kommen: Hebammen wurden nicht nur gegängelt, sie wurden gejagt. Nachdem Papst Innozenz VII. im Jahr 1484 die Hexenlehre anerkannt hatte, stellten die Dominikanermönche Henricus Justitiore und Jakobus Sprenger in ihrem "Hexenhammer" klar: "Keiner schadet der katholischen Kirche mehr als die Hebammen."

Diese wirkten genau da, wo es dem Teufel ein Leichtes war, das gerade geborene, aber noch nicht getaufte Kind zu rauben. Sie könnten Empfängnis verhindern, Fehlgeburten herbeiführen und Neugeborene dem Satan opfern. Dazu müssten sie sich nur in einem unbeobachteten Moment aus dem Geburtszimmer schleichen und sich drei Mal mit dem Säugling auf dem Arm vor dem Bösen verneigen. Aus dem Kind würden sie dann Fett für ihre Reitgerten gewinnen, so lautete das böse Ammenmärchen.

Die Wahrheit aber war, dass zu jener Zeit nur die Hebammen über das Wissen verfügten, das Frauen die Macht gab, wenigstens zu einem kleinen Teil selbst über ihr Leben zu entscheiden. Doch ein großer Teil dieses Wissens ging verloren: Allein in Köln etwa wurden zwischen den Jahren 1627 und 1639 nahezu alle Hebammen der Stadt als Hexen verbrannt.