Genmanipulierter Leinsamen Spurensuche im Labor

Die Aufregung um gentechnisch veränderten Leinsamen ist groß. Doch möglicherweise ist die Gen-Saat schon jahrelang im Handel.

Von S. Liebrich und H. Brubaker

Die Affäre um gentechnisch veränderten Leinsamen in Lebensmitteln hat offenbar größere Ausmaße, als bislang angenommen. Nach Einschätzung von Greenpeace und Brancheninsidern wird das in der EU verbotene Nahrungsmittel möglicherweise schon seit Jahren verkauft, ohne dass dies aufgefallen wäre.

"Es wurden in Europa in den vergangenen Jahren dazu keine Tests durchgeführt, weil es anschneidend gar keine Methode dafür gab", sagte Stephanie Töwe-Rimkeit, Landwirtschaftsexpertin bei Greenpeace, am Donnerstag der Süddeutschen Zeitung. "Verbraucher können also nicht wissen, ob sie in den letzten Jahren Müsli oder Brötchen mit Genleinsamen gefrühstückt haben." Der Samen der Flachspflanzen ist in Brot, Brötchen, Keksen und anderen Fertigprodukten enthalten.

Dass sich das beanstandete Nahrungsmittel schon seit einigen Jahren in Umlauf befinden könnte, wird auch beim Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), einem Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft, nicht ausgeschlossen. "Bis vor kurzem gab es nicht die notwendige Analytik, um dies zurückzuverfolgen", bestätigte BLL-Geschäftsführer Marcus Girnau. Die entsprechenden Tests stehen nach seinen Angaben erst seit einigen Tagen zur Verfügung. Die Untersuchung einzelner Produkte, die das Ausmaß der Verunreinigungen klären sollen, stünden erst am Anfang und würden vermutlich noch einige Wochen in Anspruch nehmen.

Unklar ist laut Girnau auch, ob inzwischen alle betroffenen Produkte aus den Ladenregalen verschwunden sind. Zwar ließen einige Produzenten Produkte vorsorglich aus dem Handel nehmen. "Doch das geschieht auf freiwilliger Basis", ergänzte der BLL-Experte. Ein Hersteller sei nur dann verpflichtet, ein verunreinigtes Produkt aus dem Handel zu nehmen, wenn dies durch einen Test belegt sei. Doch selbst wenn die Ergebnisse in einigen Wochen vorliegen sollten: Konsumenten werden vermutlich nie genau wissen, welche Produkte genmanipulierten Leinsamen enthielten. Denn eine Liste mit den betroffenen Herstellern muss nicht veröffentlicht werden.

Kein bundesweiter Rückruf

Einige Unternehmen gingen bereits in die Offensive und riefen Produkte mit Leinsamen zurück. Ein Beispiel dafür ist Seeberger, ein Hersteller, der auf Trockenfrüchte und Getreide spezialisiert ist. Dort kritisiert man das zögerliche Vorgehen der Lebensmittelaufsicht.

Bislang hätten nur einzelne Bundesländer Hersteller dazu aufgefordert, betroffene Erzeugnisse zurückzunehmen, monierte Produktmanager Joachim Mann. "Solange es aber keinen bundesweit einheitlichen Rückruf durch die Behörden gibt, kann die Forderung nach einem generellen Rückruf auch nicht an die EU weitergetragen werden." Solange es jedoch keinen EU-weiten Rückruf gebe, sei unklar, ob nun der Importeur oder das verarbeitende Unternehmen für den entstandenen Schaden haften müsse. Dieser sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal annähernd quantifizierbar, ergänzte er. Hinzu komme ein massiver Imageschaden.

Handelsketten wie Edeka, Rewe oder Rossmann haben nach eigenen Angaben inzwischen Produkte aus dem Regal genommen, die möglicherweise verunreinigten Leinsamen enthalten. "Die Kosten eines Rückrufes tragen die Hersteller der betroffenen Produkte", sagte dazu ein Edeka-Sprecher. Bei Rewe hieß es, man habe die Lieferanten "um eine umgehende Stellungnahme gebeten".

Experten gehen davon aus, dass der genmanipulierte Leinsamen aus Kanada stammt. Für die Bauern dort könnte sein Auftauchen in Deutschland zu einer finanziellen Katastrophe führen. Kanada gilt als der größte Lieferant weltweit und trägt 40 Prozent zur Weltjahresproduktion bei. Europa ist der wichtigste Absatzmarkt für Kanada.