Geldmacherei mit Patienten Prä-Diagnose

Vielversprechend ist auch der Versuch von Medizinern und Industrie, vor drohender Krankheit zu warnen, bevor es Anzeichen dafür gibt oder sie Beschwerden macht. Wehret den Anfängen! Inzwischen gibt es Prä-Diabetes, Prä-Hypertonie, Prä-Demenz und die Prä-Osteoporose. Wer trotz rigoros erniedrigter Grenzwerte noch ein normales Blutbild, normalen Blutdruck und Knochen und Nerven beisammen hat, der ist trotzdem ständig in Gefahr, so die Botschaft.

Solange die Medizin weiterhin fast ausschließlich nach den Kriterien von Markt und Wachstum bemessen und bezahlt wird, steigen nicht nur die Ausgaben unaufhörlich weiter, sondern es sind auch ständig neue Krankheiten und Diagnosen nötig. Das liegt in der Logik eines Medizinwirtschaftssystems, das permanent auf neue Angebote und eine Stimulation der Nachfrage angewiesen ist.

Nicht gesünder, sondern kränker

Werden zuvorderst marktwirtschaftliche Kriterien an die Heilkunde angelegt, führt dies dazu, dass munter weiter Krankheiten erfunden und Therapieempfehlungen ausgeweitet werden. Das ist zwar gelegentlich amüsant - eine Persiflage findet sich bei Youtube unter dem Suchwort "motivational deficiency disorder" - meistens aber gefährlich. Denn die neuen Krankheiten ziehen neue Diagnosemethoden und Behandlungen nach sich, und dadurch werden die Menschen nicht gesünder, sondern kränker.

Von den Hunderttausenden, die jedes Jahr in Deutschland mit Herzkathetern untersucht und behandelt werden, hätte nur jeder Vierte den Eingriff tatsächlich nötig. Bis zu 80 Prozent der Röntgen- und Kernspinaufnahmen bei Knie- und Rückenschmerzen sind überflüssig, bei Blutuntersuchungen ist es ebenso.

Aus Ängsten lässt sich besonders gut Kapital schlagen. Und Ängste haben die Menschen in den wohlhabenden Ländern genug. Angst vor dem Alter und vor zunehmender Vergesslichkeit. Angst vor Haarausfall und Übergewicht. Angst vor nachlassender Potenz und mangelnder Lust. Angst, irgendwann nicht mehr mithalten zu können, in der Leistung nachzulassen, durch das Raster zu fallen.

Verkaufsschlager: Angst vor dem Vergessen

Keine Angst! Wir haben doch was dagegen. Beispiel Alzheimer. Natürlich gibt es zahlreiche Demenzformen, die besonders im Alter auftreten und mit Störungen des Gedächtnisses und dem Verfall anderer kognitiver Leistungen einhergehen. Im Herbst erscheint bei Kiepenheuer & Witsch das Buch "Vergiss Alzheimer!".

Die Journalistin Cornelia Stolze zeigt darin laut Eigenwerbung des Verlags, dass Alzheimer keine Krankheit ist, sondern ein "gezielt geschaffenes Konstrukt, mit dem sich Ängste schüren, Forschungsmittel mobilisieren, Karrieren beschleunigen, Gesunde zu Kranken erklären und riesige Märkte für Medikamente schaffen lassen". Schließlich trifft die Angst vor dem Vergessen den Nerv alternder Gesellschaften.

Wem das zu reißerisch vorkommt, der sei auf das 2009 im Huber-Verlag erschienenen Buch "Mythos Alzheimer" des renommierten Demenzforschers Peter Whitehouse verwiesen. Er beschreibt im Kapitel "Die Geburt des Alzheimer-Imperiums", wie sich während seiner Arztlaufbahn der Begriff für kognitive Beeinträchtigungen von "Senilität" über "senile Demenz" hin zu "senile Demenz vom Alzheimertyp" und "Alzheimerkrankheit und verwandte Störungen" bis zur derzeit gültigen "Alzheimerkrankheit" gewandelt habe.

Hier geht es nicht nur um Terminologie. Von der "aggressiven Medikalisierung der Gehirnalterung" profitieren laut Whitehouse Forschungseinrichtungen, einzelne Wissenschaftler und die Industrie, obwohl die Akteure "wissen, dass es keine singuläre Krankheit namens Alzheimer gibt und dass wir es mit einem komplexen, wissenschaftlich unpräzisen sozialen Konstrukt zu tun haben, für das es wohl niemals eine Heilung geben wird".

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