Familie und Partnerschaft Statt über Babyblues schreiben jetzt viele über Zahnbürsten

Die steigende Kommerzialisierung ist Chance für die Blogs, aber auch Gefahr. Mit Blick auf die USA hat die Washington Post kürzlich beklagt: "Das Elternnetz ist zur makellosen, gesponserten Hülle verkommen" - eine Entwicklung, die man auch in Deutschland beobachten kann. Immer mehr Unternehmen bemühen sich um Blogger als Influencer und statten sie mit Buggys und Stillkleidung aus, hoffend, dass ihr Vorbild andere prägt. Oder sie versuchen, über gesponserte Beiträge auf Blogs und in den sozialen Netzwerken ihre Produkte zu vermarkten. Für solche als Inhalt verkleidete Werbung bekommen manche Blogger bis zu mehrere Tausend Euro. Die Werbung verändert die Inhalte. Waren Blogs in den ersten Jahren vor allem eine Plattform für ehrliche Geständnisse überforderter Mütter, so liest man heute überraschend viele wohlwollende Artikel über elektrische Kinderzahnbürsten. Der Trend zeigt sich auch auf Instagram, dem soziales Netzwerk, in dem Nutzer schöne Filter über Bilder legen, aber wenig schreiben und nichts verlinken können.

Und trotzdem bleibt die Elternblogger-Szene politisch - allein schon in ihrer Vielfalt: Auf der Blogfamilia trifft man eine Transfrau ("Frau Papa"), eine Mutter mit Behinderung ("Wheelymum"), einen alleinerziehenden Vater ("Johnnys Papa Blog") genauso wie eine Fünffach-Mutter ("Frische Brise"). Das Private ist eben politisch. Kein Satz fällt häufiger an diesem Tag, auch Rednerin Teresa Bücker sagt ihn.

Als bekannte Feministin weiß die Edition F-Chefin, wie es ist, sich mit vielen uneinig zu sein. Weil ihre Redaktion kürzlich einen Text mit dem Titel "Raus aus der Flauschzone - warum mich Mamablogs nerven" veröffentlichte, muss sich Bücker verteidigen. Ihre Autorin hatte Elternblogs als oberflächlich kritisiert. Die Chefin sagt nun: "Blogs sind immer politisch, egal worüber man schreibt." Das könne ein Schreibabybeitrag genauso sein wie ein Text über Gewalt in der Partnerschaft. Familienthemen würden nun mal generell belächelt, das träfe Elternblogs ebenso wie Familienpolitikerinnen - Bücker nickt Giffey zu - und Journalistinnen, die über das Thema schreiben. Alles Gedöns eben.

Doch was Gedöns ist und was wirklich wichtig, das ist auch Verhandlungssache, und da hat sich viel getan. Ursula von der Leyen etwa gab Familienthemen neues politisches Gewicht, als sie gegen heftige Widerstände das Elterngeld inklusive zweier Vätermonate eingeführte. Es bleibt noch viel zu tun, findet Bücker: "Warum ist es so breit akzeptiert, dass Familien sich am Rande der Erschöpfung bewegen?", fragt sie, und spätestens da nicken alle im Plenum, Väter und Mütter, Working Moms und Hausfrauen. Bückers radikale Forderung: die 20-Stunden-Woche für Eltern. Ein Teilzeiteinkommen müsse reichen, um den Lebensbedarf eines Elternteils mit Kind oder Kindern zu decken, findet die Feministin. Eine neue Idee ist das nicht. Aber eine gute.

In Workshops lernt die digitale Gemeinschaft später, was Newsletter bringen, wie man auf Pinterest erfolgreich wird und welches Potenzial in Podcasts liegt. Sie wollen ihr Teilzeiteinkommen von zu Hause aus verdienen, mit ihrem Blog. "Homemade Happiness" steht auf dem Essenswagen im Innenhof. Hausgemachtes Glück. Es ist ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Doch vielleicht zeigt sich die Relevanz von Elternblogs gar nicht auf dieser Konferenz in Berlin, sondern auf einer ganz anderen, die zeitgleich im bayerischen Hirschaid stattfindet. Eine der politischsten aller Elternbloggerinnen, Christine Finke, hält auf der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen eine Rede. Auch so geht Lobbyarbeit.

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