Familie Ratgeber, Teilzeitbetreuer, Nothelfer - über den Wert der Großmütter

Dass in Deutschland wieder mehr Kinder zur Welt kommen, liegt nicht an der Familienpolitik, sondern in Wahrheit an fürsorglichen Omas.

Von Christian Mayer

In seinem autobiografischen Roman "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke", der seit Wochen ganz oben auf der Bestsellerliste steht, setzt der Autor Joachim Meyerhoff seiner Großmutter ein Denkmal. Er schildert auf anrührend-lustige Weise seine Jahre im großelterlichen Anwesen: Als junger Schauspielschüler brechen täglich neue Katastrophen über ihn herein, doch seine mondäne Großmutter, selbst früher Schauspielerin und Grande Dame vom alten Schlag, ist der Fels in der Brandung. Sie fordert und fördert ihn, sie lässt ihm seine Freiheit und ist doch so fürsorglich, dass er nie mehr weg möchte. Bei den gemeinsamen Abendessen werden zwar die seltsamsten Trinkrituale zelebriert, bis man angeheitert mit dem Treppenlift in den ersten Stock des Hauses fährt: Aber diese Großmutter ist ein Erlebnis.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass Meyerhoffs Großmutter-Roman so viele Leser findet: Das Thema trifft einen Nerv. In einer Gesellschaft, in der oft beide Eltern arbeiten, bekommen die Großeltern eine besondere Bedeutung - als Ratgeber, Teilzeitbetreuer, Nothelfer, nicht selten auch als Geldgeber.

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Die Geburtenrate ist zum dritten Mal in Folge gestiegen. Eine Frau im gebärfähigen Alter bringt damit statistisch gesehen 1,47 Kinder zur Welt.

Evelyn Roll beschreibt diese Konstellation aus eigener Erfahrung, aus der Sicht der Älteren, die den Enkeln oft besonders nahestehen. Die Zahlen sprechen für sich: Jedes dritte Kind unter sechs Jahren wird einmal wöchentlich von Oma oder Opa gehütet. 53 Prozent der deutschen Eltern bitten regelmäßig Großeltern um Betreuungsbeistand, sonst wäre es gar nicht möglich, dass die Eltern Berufe haben.

Dass in Deutschland wieder mehr Kinder zur Welt kommen, liegt nicht an der Familienpolitik, schreibt Roll. "Es sind in Wahrheit die Großmütter: Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung fand heraus, dass junge Paare sich vor allem dann für ein Kind entscheiden, wenn die zukünftige Großmutter Betreuungskapazitäten signalisiert hat." Bei einer anderen Studie kreuzen zwei Drittel der 16- bis 29-Jährigen an, dass ihre Großeltern sie geprägt haben und dass sie über die Pubertät hinaus engen Kontakt halten - ganz ähnlich wie bei Joachim Meyerhoff, der auch noch als junger Mann die Nähe zu seinen Großeltern suchte.

Evolutionsgeschichtlich ist die Erfindung der Großmutter übrigens eine sensationelle Ausnahme: Fast alle Säugetiere sterben relativ bald nach dem Ende ihrer Reproduktionsfähigkeit. Nur Menschenfrauen, weibliche Grindwale und afrikanische Elefantenkühe nicht.

Evelyn Roll singt das hohe Lied auf die Großmütter, aber sie will keinesfalls die Leistungen der Männer schmälern: "Das Einzige, was Männer evolutionsgeschichtlich am Großvaterwerden erschreckt, ist der Gedanke, dass sie von jetzt an jeden Tag mit einer Oma im Bett aufwachen müssen."

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