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Eye Contact Experiments:Nach dem ersten Experiment kam es zur Hochzeit

Auf die Idee, Eye Contact Experiments regelmäßig in München zu veranstalten, kamen Marco van Bree und Daniel Kazani, nachdem sie vergangenes Jahr an "The World's Biggest Eye Contact Experiment" teilgenommen hatten, simultan mit circa 45 000 Menschen in mehr als 90 Städten. Auf Schildern stand dabei immer die Frage: "Wo ist die menschliche Verbindung hin?" In einigen Orten etablierten sich daraufhin freie Veranstaltungsreihen. "Ich glaube, es gibt in unserer Zeit ein großes Bedürfnis nach Verständnis", sagt Marco van Bree.

Er könnte recht haben. Selbst der hippe Sonnenbrillen-Hersteller Ray Ban - der ja eigentlich von Geschäfts wegen eher wenig mit tiefen Blicken in die Augen seiner Kunden zu tun haben sollte - veröffentlichte kürzlich eine Reihe viraler Image-Videos unter dem Hashtag #ittakescourage: "Es braucht Mut". Den braucht es, so die implizite Botschaft, um einem Fremden in Zeiten des Fremdenhasses in die Augen zu schauen. Die Internetseite Soulpancake und die Menschenrechtsorganisation Amnesty Poland hatten zuvor ähnliche Videos in Umlauf gebracht: Sie alle zeigen Menschen, die sich lange und tief in die Augen blicken. Echte Nähe, ganz ohne Wlan, über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg, dazu Klaviermusik. Und irgendwann fängt immer einer an zu weinen.

Bei dem Eye Contact Experiment in München wird anfangs mehr gekichert. Es ist normal, sich zuerst unsicher zu fühlen. Das wird meistens nach ein paar Sitzungen besser. Aber gerade unerfahrene Teilnehmer finden oft, dass sie sich wie der Psychopath verhalten, der in der U-Bahn fremde Mädchen anstarrt. Das Lachen entschärft den Grenzübertritt. Man kann diese Grenze sogar messen: 3,3 Sekunden. So lange empfinden Europäer, laut einer Studie des University College London, einen Blickkontakt als angenehm. Alles darunter wirkt schüchtern, alles darüber aggressiv. Doch was passiert in den vielen, vielen weiteren Sekunden in einem Eye Contact Experiment?

Eine Antwort darauf gibt die Studie "Die experimentelle Erzeugung von zwischenmenschlicher Nähe", die der amerikanische Psychologe Arthur Aron vor mehr als 20 Jahren veröffentlichte. Auf seine Methode gehen die Blickkontakt-Experimente ursprünglich zurück. Aron und sein Team ließen eine Frau und einen Mann zusammen an einem Tisch Platz nehmen. Dort beantworteten sie nacheinander 36 zunehmend intime Fragen. Anschließend sollten sie sich schweigend in die Augen sehen. Das allererste Eye Contact Experiment der Geschichte dauerte exakt vier Minuten lang. Ein Jahr später heirateten die beiden. Das ganze Labor war eingeladen.

Lena kommt aus der nächsten Runde nach draußen, diesmal mit Jette, einer sonnengebräunten Frau um die fünfzig. Jette erklärt, warum nach vier Minuten nicht einfach Schluss ist. "Es geht gar nicht zwangsläufig nur um das Herstellen von menschlichen Verbindungen", sagt sie. "Sondern auch darum, sie auszuhalten."

Auf der Suche nach menschlicher Verbindung.

(Foto: mauritius images)

Genauso wie Jens sei sie anfangs regelmäßig in ein Gedankenkarussell verfallen. Weil aber all diese Fragen an dem Gesicht des Partners einfach abprallen, begreife man zunehmend, dass es sich lediglich um eigene Zuschreibungen handelt. So wie der Mann gegenüber vielleicht kein Spanier ist, bloß weil er dunkelbraune Locken hat. Dadurch werde es möglich, die ewig kreisenden Fragen einfach über Bord zu werfen. Von da an könne man sich einlassen auf sein Gegenüber, das man nicht kennt. Jette spricht etwas hochtrabend von einer "Meditation der liebenden Güte", stellvertretend am lebenden Objekt.

Wie es sich anfühlt, ein solcher Stellvertreter zu sein, hat die Künstlerin Marina Abramović 2010 beim bislang längsten je abgehaltenen Eye Contact Experiment ausprobiert. Exakt 721 Stunden - sechs Tage die Woche, immer sieben Stunden am Stück - saß sie nacheinander 1565 Besuchern des New Yorker Museum of Modern Arts gegenüber und blickte ihnen schweigend in die Augen. Vielen kamen die Tränen. "Ich bin für sie da", sagte Marina Abramović später über ihre Performance "The Artist ist Present". "Ich verstecke mich nicht, ich mache mich verfügbar."

Um genau diese radikale Offenheit geht es auch den Teilnehmern der Eye Contact Experiments, wenn sie ihre Sonnenbrillen abnehmen. Es ist eine Übung, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen - und für kurze Zeit, auf die Schutzmaske zu verzichten, hinter der wir uns im Alltag so oft verstecken.

© SZ vom 13.08.2016

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