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Expertentipps zur Erziehung:"Jugendliche brauchen Raum für sich"

Welche Abmachung wäre also sinnvoller?

Tanja Haeusler: Vereinbaren Sie besser einen bestimmten Zeitraum für die Computerspiele, zum Beispiel eine feste Stundenzahl pro Woche, die der Teenager frei einteilen kann. Wenn er am Mittwoch den Kumpel zum Autorennspiel einladen will, muss er mit dem Zeitbudget haushalten.

Johnny Haeusler: Das Ziel der Eltern ist ja, dass sich das Kind nicht nur mit einer Glasscheibe und der faszinierenden Welt dahinter beschäftigt. Allerdings kommunizieren Kinder bei vernetzten Spielen auch miteinander oder johlen und kreischen zusammen vor dem Bildschirm. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass Jugendliche in diesem Alter nachmittags meist einen achtstündigen, fremdbestimmten Schularbeitstag hinter sich haben. Da darf es schon mal allein eine halbe Stunde lang daddeln. Wenn aber Kinder von selbst keine Lust auf Anderes haben, müssen Eltern aktiv werden und Spannendes anbieten.

Tanja Haeusler: Man darf auch ein Experiment wagen und zum Beispiel in den Ferien Computern bis zum Abwinken erlauben. Irgendwann hatten unsere Söhne die Nase davon voll. Und stellten sich am Ende der Ferien den Wecker frühmorgens, um als erste auf dem dann noch freien Bolzplatz zu sein.

Was tun, wenn es nicht klappt?

Tanja Haeusler: Dann müssen die Eltern für Ablenkung und genügend andere Anreize sorgen. Kinder wollen sich schließlich von Natur aus bewegen, das sollte man ausnutzen.

Dennoch fürchten manche Eltern, vielleicht auch zu Recht, ihr Nachwuchs könnte vor dem Bildschirm vereinsamen.

Johnny Haeusler: Davor sollten wir unsere Kinder schützen, ebenso davor, sich später mit Alkohol zu betäuben oder einen Großteil der Freizeit vom Fernseher berieseln zu lassen. Wenn das Kind nur noch vor dem Computer sitzt, müssen Eltern überlegen, woran das liegen könnte. Schließlich ist es eigentlich der Lauf der Dinge, dass sich Jugendliche persönlich näherkommen und sich auch körperlich miteinander beschäftigen. In Großstädten beobachte ich allerdings die Entwicklung, dass der Raum für Begegnungen immer knapper wird: Jugendeinrichtungen schließen, deshalb treffen sich so viele Teenager an Tankstellen. Und eben im Netz.

Tanja Haeusler: Wir haben alle elektronischen Medien bewusst im Wohnzimmer, als Teil des Familienlebens. Da muss ich auch aushalten, dass eine Horde Kumpels das Sofa belegt und spielt. Aber so bekomme ich mit, was die Kinder machen. Und die Jugendlichen haben einen Raum, um sich zu treffen.

Tanja und Johnny Haeusler leben mit ihren zehn- und dreizehnjährigen Söhnen in Berlin, von denen sich der Ältere mit seinen Freunden auf Facebook vernetzen darf, während der Jüngere noch drei Jahre warten muss. Gemeinsam betreibt das Paar das Weblog "Spreeblick", das mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde. Zudem gehört es zum Gründerteam der "re:publica", einer europäischen Konferenz für Online-Medien und digitale Gesellschaft. Das Ehepaar schrieb gemeinsam das Buch "Netzgemüse - Aufzucht und Pflege der Generation Internet", um anderen Eltern aus eigener Erfahrung Tipps beim Umgang mit netzbegeisterten Jugendlichen zu geben.

Seit das Kind ein Smartphone besitzt, sehen die Eltern nur noch seinen Scheitel. Und die virtuellen Freunde sind überall mit dabei. Da wundert es nicht, wenn Eltern manchmal ein unwiderstehlicher Zerstörungsdrang überkommt. Doch die Technik besiegt auch den. Die Erziehungs-Kolumne.