Europas größte Hähnchenschlachtfabrik Das neue Projekt: Noch leistungsfähiger

In der niedersächsischen Gemeinde Wietze, etwa 230 Kilometer von Haren entfernt, plant Rothkötter ein zweites Werk. Das soll noch leistungsfähiger als der Stammsitz im Emsland sein: Bis zu 134,8 Millionen Hähnchen könnten hier pro Jahr einmal geschlachtet werden. Die Schlachtanlage ist allerdings nur ein kleiner Teil einer riesigen Hühnerlogistik. Sie umfasst eigene Futtermittelwerke, eine Brüterei sowie 400 Mastbetriebe im Umkreis von 200 Kilometern, alles minutiös aufeinander abgestimmt und vertaktet.

Tierschützer wollen die Expansion der größten Geflügelschlachtfabrik Europas verhinden und besetzten seit Ende Mai das Baugrundstück. Nun rückte die Polizei an, um deren Notbehausungen zu räumen.

(Foto: ddp)

Mit Ausnahme der Grünen und Linken hat Wietzes Gemeinderat im vergangenen Jahr die Ansiedlung gebilligt. Zuvor hatten die Lokalpolitiker das weitgehend baugleiche Werk in Haren besichtigt: Man sei "fast durchgängig begeistert gewesen", sagt Wietzes CDU-Bürgermeister Wolfgang Klußmann über den Ortstermin. Stundenlöhne von mehr als zehn Euro, demnächst auch eine betriebliche Kindertagesstätte, Gutscheine fürs Schwimmbad, all das hat Eindruck hinterlassen. Und bei 13 Prozent Arbeitslosigkeit in der Region um Wietze sei die Aussicht auf bis zu 1000 Jobs für gering Qualifizierte verlockend. Etwas gewunden fügt Klußmann hinzu: Er persönlich könne sich kleinbäuerliche Landwirtschaft auch "besser vorstellen". Aber die Nachfrage nach billigem Fleisch sei nun einmal da: "Der Verbraucher bestimmt, was passiert."

Doch mit so heftigem Widerstand gegen den Investor hat Klußmann nicht gerechnet. Geschätzte 3000 Protestmails bekommt er jeden Tag - vom Vegetarierbund bis zum Bündnis zur Rettung des Regenwalds. Die Bürgerinitiative in Wietze hat mittlerweile mehr als 850 Mitglieder, in der ganzen Region wächst der Protest gegen Rothkötters Schlachtbetrieb, vor allem aber gegen die vielen Mastställe, die dafür errichtet werden müssen. Es drohe die "Emslandisierung" einer ganzen Region, lautet das Schlagwort der Gegner.

Selbst Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen ist in den Streit hineingezogen worden: Es sei richtig, neue Mastställe zu bauen, bekräftigte sie nach dem Brandanschlag von Sprötze. Danach wurde bekannt, dass ihr Mann Deutschlands zweitgrößte Putenbrüterei besitzt. Tierschützer veröffentlichten ein Video, das angeblich aus zwei Mastbetrieben in Mecklenburg-Vorpommern stammt, an die Grotelüschens Firma Küken liefert: Die Bilder zeigen sterbende und verletzte Tiere, die im Stall herumliegen. Mit Rothkötters Unternehmen hat das zwar nichts zu tun. Doch die Gegner der industriellen Tiermast fühlen sich dadurch nur bestärkt: Christian Meyer, der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Landtag von Niedersachsen, warnt vor den Folgen der Massenhaltung von Geflügel: "Die Umweltbelastungen sind massiv." Ammoniak-Ausdünstungen und die Verunreinigung des Grundwassers mit Nitrat seien nur zwei der Folgen, sagt Meyer.

Auch um den Tierschutz ist es nach seiner Einschätzung schlecht bestellt: Gemäß der neuen "Hähnchenhaltungsverordnung" vom 12. Juni 2009 dürfen bis zu 21 Vögel auf einem Quadratmeter zusammengepfercht werden. Federpicken und Gelenkschäden seien die Regel. Überdies werde den Tieren zu viel Brustfleisch angezüchtet. "Vor der Schlachtung", sagt Meyer, "kippen die fast um."

Rothkötter sagt, er habe nichts zu verbergen

Wenn Rothkötter die Kritik hört, steigt in ihm der Ärger auf. Er halte sich schließlich an sämtliche Vorschriften. Die deutschen Normen seien teilweise sogar schärfer als die der EU: "Wir können ja auch sagen, wir produzieren in China." Er habe nichts zu verbergen, beteuert Rothkötter und lädt ein, einen Blick in den Betrieb zu werfen. Mit bäuerlicher Landwirtschaft hat der nichts mehr zu tun. Scharrende Hühner auf dem Hof sind nur noch etwas für Romantiker und Werbespots. Rothkötter spricht lieber über Chancen und Risiken der Agglomeration, über "Economies of Scales" oder den Einsatz von Ressourcen. Aus der Agrarwirtschaft ist im Emsland eine gigantische Industrie geworden.

In Sichtweite der Schlachterei legen fast täglich Schiffe am Hafen an. Sie liefern Rohstoffe für Rothkötters Futtermittelwerke, in denen jährlich 700000 Tonnen produziert werden. Allein aus Brasilien landen dafür 150000 Tonnen Sojaschrot im Hafen an.

Alles "Non-Amazonas" und "Non-Gen-Ware", versichert Rothkötter, obwohl ihm anzumerken ist, dass ihn auch diese Diskussion erheblich nervt.

Das Hähnchen ist ein Standardprodukt, auf seinem Weg in die Kühltheken führt es ein kurzes Standardleben: 21 Tage und fünf Stunden dauert das Ausbrüten der Eier, anschließen werden die Küken mit dem Sattelschlepper zu den Lohnmästern gebracht. Bauer Franz Oschem ist einer von ihnen, ein Vorzeigebetrieb, augenscheinlich ohne sterbende Hähnchen. Zwei schmucke Häuser hat sich die Familie gebaut. Daneben stehen die Ställe mit 130000 Tieren, vollklimatisiert, Tag- und Nachtsteuerung, automatische Fütterung. Sechs Wochen dauert die Mast bei drei Prozent Verlustrate, dann wird der Stall für die nächsten Küken gereinigt und alles fängt wieder von vorne an. Rein rechnerisch, sagt der Bauer, mache das 7,249 Durchgänge pro Jahr. Er könne nicht verstehen, warum nun ein Feindbild aufgebaut werde. Das Emsland profitiere doch von den Veredelungsbetrieben.

Am Schluss wartet die Schlachterei. Rothkötter zeigt sie von der Fleischseite, also gewissermaßen vom Endprodukt her: Zuvor muss er durch die Desinfektionsschleuse. Drinnen rasen an Förderhaken Hähnchenleiber kreuz und quer durch die vier Grad kalte Halle. Hunderte, Tausende. Dazwischen Arbeiter an Filetier- und Mariniermaschinen. Im beheizten Kontrollstand wird die Produktion überwacht: "Line Efficiency", ruft Rothkötter und deutet auf ein Säulendiagramm am Computer.

Er eilt voraus in den Schlachtbereich, immer Richtung Lebendseite. Heiß und stickig ist es hier, irgendwo mischt sich Musik unter den Maschinenlärm. Es geht vorbei an Herzen, Mägen, Lebern, der Rupf- und Brühanlage, der Blutbahn, wo die Tiere ausbluten. Die Betäubungsmaschine noch, dann durch die Tür in die nächste Halle. Stille. Ein Sattelschlepper steht im Dämmerlicht. Nur ein Glucksen ist zu hören, wenn der Inhalt der Paletten aufs Förderband gekippt wird: weiße Hühner der Rasse "Ross 708", ein Produkt des US-Konzerns Aviagen. 15 Minuten dauert der Weg der Tiere durch die Fabrik. Morgen schon wird ihr Filet in den Discountern zu kaufen sein, das Kilo für weniger als sechs Euro. Draußen vor dem Tor wartet der Nachschub.