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Buch "Geht alles gar nicht":Wenn Vatersein die Hölle ist

Väter, Kinder und Karriere: Marc Brost und Heinrich Wefing haben ein Buch über die große "Vereinbarkeitslüge" geschrieben. Das Ergebnis überzeugt trotz gelegentlich weinerlicher Interviews. Nur mit Lösungsansätzen tun sich die Autoren schwer.

Von Verena Mayer

Wenn Vatersein "die Hölle" ist

Was machen eigentlich die neuen Väter? Kriegen sie es gut hin, Kinder, Kochen, Karriere? Als das Elterngeld eingeführt wurde und es für Männer sozial akzeptiert war, eine Auszeit zu nehmen, waren sie ja plötzlich überall. Beim Babyschwimmen, auf Partys, im Meeting. Sie trugen ihren Vaterstolz vor sich her wie einen Säugling im Tragetuch oder schrieben Bücher über das Abenteuer Vaterschaft. Nun, die Wahrheit ist: "Geht alles gar nicht".

So heißt jetzt das neueste Buch über das Vatersein. Die Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing haben es geschrieben und rechnen durch: Wenn ein Tag 24 Stunden hat, man davon neun arbeiten und mindestens sechs schlafen muss, die Kinderbetreuung aber nur acht Stunden umfasst und es noch Dinge wie Sozialleben, Sport und Sex gibt - dann ist Vatersein "die Hölle". "Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können", lautet der Untertitel des Buches, und das ist keine Frage, sondern ein Eingeständnis.

Dass das Thema in Deutschland einen Nerv trifft, sieht man an den Zahlen. Nur jeder dritte Vater geht in Elternzeit und das in achtzig Prozent der Fälle auch nur zwei Monate lang. In Teilzeit zu arbeiten, um bei der Familie sein zu können, ist zwar beliebt, aber nur unter Müttern. Einer neuen Studie des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts zufolge nahmen 2013 gerade mal sechs Prozent der arbeitenden Väter Teilzeit. Und nicht mal Sigmar Gabriel kriegt es hin, seine kleine Marie jeden Mittwochnachmittag von der Kita abzuholen. Neuer Vater werden ist nicht schwer, neuer Vater sein hingegen sehr.

Es kommt viel zusammen, für diese Männer

Brost und Wefing schreiben aus eigener Erfahrung. Sie haben anspruchsvolle Jobs in Positionen, in denen das E-Mail-Postfach auch sonntags überläuft und man Liegengebliebenes im Urlaub aufarbeiten muss. Brost leitet das Hauptstadt-Büro der Zeit, sein Kollege Wefing arbeitet dort in der politischen Redaktion. 1971 beziehungsweise 1965 geboren, gehören sie der ersten Generation an, die gleichberechtigt leben will, mit allen Konsequenzen für Männer und Frauen.

Sie sind aber auch die letzte Generation, die im analogen Zeitalter groß wurde und nun im globalen bestehen muss. Es kommt also viel zusammen für diese Väter, und da ist noch nicht eingerechnet, dass Kinder krank werden, zur Flötenstunde oder zum Fußball müssen, und generell erwarten, dass Eltern Zeit haben.

"Lachen an der Kasse im Supermarkt"

Doch woher die Zeit nehmen, wenn nicht stehlen? Um das zu klären, dröseln die Autoren in zwölf pointierten Kapiteln und etwas wehleidigen Interviews mit anderen jungen Vätern ("Wie viel hast du heute Nacht geschlafen?") die Zwänge auf, unter denen der moderne Vater steht. Der soll nämlich nicht nur alles anders machen als der eigene Vater, der das Familieneinkommen ranschaffte und den Rest der Mutter überließ. Sondern er soll auch ein guter Ehemann und Liebhaber sein, sich im Job verwirklichen und seiner Partnerin dasselbe ermöglichen. Und natürlich immer mit der Familie "lachen an der Kasse im Supermarkt".

1979 durchlebte Dustin Hoffman als Vater in "Kramer gegen Kramer" dramatische Vereinbarkeitskonflikte.

(Foto: Columbia)

Brost und Wefing stoßen sich dabei gar nicht so sehr an den überzogenen Ansprüchen, die heutzutage auch an Männer gestellt werden. Sondern daran, dass ihnen von Wirtschaft und Politik vorgegaukelt wird, man könnte alles prima unter einen Hut bringen. "Vereinbarkeitslüge" nennen sie das. Dass alles mit allem vereinbar sein soll, Familie, Führungsposition, Freizeit. Hauptsache, der Staat stellt einen Kitaplatz im Umkreis von fünf Kilometern bereit. Das ist, wie die Autoren nachweisen, natürlich Quatsch und war es schon immer.

In kulturhistorischen Einsprengseln zitieren sie etwa den amerikanischen Soziologen David Riesman. Der beklagte bereits in den Fünfzigern den Druck, unter dem moderne Großstadtbewohner stehen. Die keine innere Überzeugung hätten, was wirklich wichtig ist, sondern nur eine Art Kompass dafür, welchen Erwartungen sie sich beugen müssen. "Radarmenschen" nannte Riesman sie.

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