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Ausgangsbeschränkungen:Friedhöfe sind die neuen Parks

Forsythien am Nordfriedhof in München, 2020

Alle wollen raus, die Parks sind voll. Wer Abstand halten will, macht derzeit zum Beispiel einen Ausflug auf den Münchner Nordfriedhof.

(Foto: Mauritius Images)

Neben jedem Grab eine Yogamatte? In städtischen Ballungszentren werden einige Friedhöfe gerade zu Naherholungsgebieten umgewidmet.

Was hätte man noch vor ein paar Wochen über eine Person gedacht, die auf einem Friedhof unterwegs ist, ohne ein bestimmtes Grab besuchen zu wollen? Man hätte sich entweder verirrt haben oder ein bisschen morbide veranlagt sein müssen. Denn wer außer Schwermütigen und Satanisten würde schon gerne seine Freizeit an einem Ort verbringen, wo behauener Marmor und Stein einen quasi an jeder Ecke daran erinnern, wie furchtbar kurz so ein Menschenleben sein kann?

Die Corona-Krise scheint diesen Blick auf Friedhöfe schnell gewandelt zu haben, zumindest in städtischen Ballungszentren. Dort entwickeln sich Friedhöfe gerade zu so etwas wie den neuen Naherholungsgebieten. Infolge des Virus werden sie genutzt von Spaziergängern, Gymnasten, Joggern, Sonnenanbetern.

In Berlin-Mitte gibt es einen denkmalgeschützten Militärfriedhof, der nicht mehr für Begräbnisse genutzt wird. Vor der Corona-Krise war er meist leer, jetzt ist viel los, von sieben Uhr morgens an, wenn das Tor aufgeht, bis 19 Uhr abends, wenn es wieder schließt. Die Leute rollen zwischen den Gräbern aus dem 18. und 19. Jahrhundert ihre Yogamatten aus, machen Sonnengrüße, joggen über die Wiese, schieben Kinderwagen, lesen, hören Musik, sonnen die nackten Oberkörper, prosten sich mit Bierflaschen zu. Meist halten sie Abstand. Die Mülleimer quellen über.

Der Grund für die starke Frequentierung liegt darin, dass man seine physisch-sozialen Kontakte gerade auf ein Minimum reduzieren soll, es aber vielen aus nachvollziehbaren Gründen schwerfällt, rund um die Uhr in den eigenen vier Wänden zu hocken. Man will raus, und man darf ja auch raus, unter bestimmten Auflagen. Kinder, besonders kleine, müssen sowieso raus.

Die Frage ist also: Wo kann man jetzt noch mitten in der Stadt ein Plätzchen für sich finden, an dem es einigermaßen ruhig und luftig ist und wo die Wahrscheinlichkeit, dass man anderthalb bis zwei Meter Abstand tatsächlich einhalten kann, recht groß ist? Der Park kommt eigentlich schon nicht mehr infrage - zu voll. Vielleicht ist er auch zu weit weg. Der Friedhof um die Ecke, der eigentlich der letzten Ruhe anderer gewidmet ist, erscheint da plötzlich merkwürdig attraktiv. Eventuell betrachtet man die Gräber dabei sogar als ganz praktische, vorgefundene Abstandhalter.

Joggen ist nicht gestattet

Nicht nur in Berlin scheint das so zu gehen. Die New York Times schrieb vor Kurzem unter der Überschrift "Parks Too Crowded? Meet You at the Cemetery Gates" (Die Parks sind zu voll? Treffen wir uns am Friedhofstor) über den Green-Wood-Friedhof in Brooklyn. Auf ihm, knapp 200 Hektar groß, liegen unter anderem der Dirigent Leonard Bernstein und der Künstler Jean-Michel Basquiat begraben.

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Die Anlage wirke mit ihren vielen Blumen, ihren malerischen Kieswegen und Teichen fast wie ein Naturreservat, schreibt die Zeitung, und dass der Friedhof seine Öffnungszeiten im Zuge der Corona-Krise verlängert habe. Man wolle den New Yorkern in der Corona-Zeit diesen grünen Ort näherbringen, damit sie mal von allem wegkommen können, erklärt eine Verantwortliche in dem Artikel. Joggen ist hier verboten, mit Hunden Gassi gehen auch - wer weiß, ob sich alle dran halten.

In Berlin scheinen sich viele nicht daran zu halten. Deswegen schloss Ende März der Evangelische Friedhofsverband Berlin Stadtmitte kurzzeitig seine 46 Friedhöfe für Besucher, wegen nichtpietätvoller Nutzung. "Es haben sich junge Familien auf Friedhöfen getroffen, die Erdsammlungen als Sandkästen nutzten. Jugendliche trafen sich zwischen den Gräbern zu Pizza und Bier oder spielten Fußball. Friedhöfe wurden vermehrt von Joggern und Radfahrern genutzt, die dann schon mal Trauergesellschaften gebeten haben, aus dem Weg zu gehen", sagte Tillmann Wagner, der Geschäftsführer des Friedhofsverbands, im Interview mit der taz. Die Friedhöfe wurden kurz darauf zwar wieder geöffnet, aber: Zum Joggen solle man in den Park gehen, so Wagner. Auf Friedhöfen müsse die Fürsorge für Trauernde im Vordergrund stehen.

Dass man als Mitglied einer Corona-bedingt klein gehaltenen Trauergesellschaft gerade einen geliebten Angehörigen oder Freund zu Grabe trägt und dabei von einem rücksichtslosen Jogger den heißen Atem ins Gesicht gepustet bekommt: eine schreckliche Vorstellung, in der Tat. Deswegen informieren auch die Städtischen Friedhöfe München sicherheitshalber klipp und klar: "Sport auf den Friedhöfen ist nicht gestattet." Gemeint sind jene Friedhöfe, die sich in Benutzung befinden. Auf dem Alten Nördlichen Friedhof und dem Alten Südlichen Friedhof darf man joggen, "denn dort finden keine Bestattungen mehr statt und in diesen historischen Friedhöfen bestehen keine Grabnutzungsrechte mehr".

Grundsätzlich betrachtet kann es eigentlich nichts Schlechtes sein, wenn in einer Kultur wie der unseren, in der der Tod stark tabuisiert und aus der Mitte der Gesellschaft verdrängt wird, die Menschen beginnen, sich etwas mehr auf Friedhöfen zu bewegen. Vielleicht könnte es etwas Erdendes haben, etwas Demutvolles? Natürlich nur, wenn man ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass andere hier nicht mehr ums Grab herumlaufen konnten, sondern dass sie darin gelandet sind. Kurz: Man sollte den Friedhof vielleicht nicht einfach als Ersatzpark behandeln, sondern sich von der Würde des Ortes etwas Ehrfurcht einflößen lassen.

Auf dem Georgen-Parochial-Friedhof I im Berliner Winsviertel scheint es zu klappen. Kurz vor Sonnenuntergang an einem Wochentag, der vermutlich vor allem ein Home-Office-Tag war: Nach und nach strömen Spaziergänger durchs Tor, etwa alle 30 Sekunden kommt jemand. Es sind vor allem Männer, alleine, ein Vater mit Kinderwagen ist dabei, ein schwules Paar. Niemand joggt, niemand lacht, die Schritte sind gedrosselt. Ein besonderer Ort für eine besondere Zeit? Es sieht ganz danach aus.

© SZ vom 25.04.2020/hij

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