Boom von Swinger-Clubs bei jungen Gästen:Forschungsgebiet Sex-Spielwiese

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Der Erotikabend als All-Inclusive-Angebot. Als Unternehmerin muss Natascha das so anpreisen. Doch Zahlen und Umfragen geben ihr recht. Swinger-Events wollen heute raus aus der Schmuddelecke - und sind es vielfach schon. Viele Veranstalter kommen aus der Event-Szene, ihre Abende heißen "Young Dreams", "Next Generation" oder "Julepa" (Junge Leute Party), sie finden in Discos oder klassischen Swingerclubs statt und führen den Nachwuchs über Musik und Buffet an die erotische Spielwiese heran.

"Einsteigerpartys" oder "Disco plus X", so nennt Miriam Venn das. Die Soziologin der Universität Wuppertal hat über "Paare in der Swingerwelt" promoviert. Für ihre Doktorarbeit hat Venn über Monate Swinger-Veranstaltungen besucht, Interviews mit Teilnehmern jeder Altersgruppe geführt und deren Handlungsmuster analysiert. Fazit: Die Szene wächst, sie wird immer jünger, und die Ansprüche werden immer größer. Das neue Publikum suche vor allem Partys mit aufwendigen Konzepten, erotischen Mottos und opulenter Ausstattung, erklärt Venn. "Im Vordergrund steht für die Jüngeren erst mal das Prickeln, die Möglichkeit zum Sex ist oft nachrangig, das i-Tüpfelchen."

Das Angebot, mit dem man um die neue Klientel buhlt, wächst längst schneller als die Szene selbst. Die Clubs stehen in harter Konkurrenz zueinander und schließen sich heute mit Veranstaltern wie "Party-Pikant" in Nordrhein-Westfalen oder "Hot 'n' Dirty" in Hessen zusammen. Die Orte: mindestens eine Villa, besser noch eine Burg. Die Teilnehmerzahl: bis zu tausend Gäste.

Im Echinger Arkanum erzählt Natascha, wie stark sie am Image gefeilt habe. Geht es nach der Chefin, dann soll ihr Club "der niveauvollste in Deutschland" werden. Die Räume hat sie selbst gestaltet, immer wieder baut sie um. "Ich war zwar noch nie im Orient", sagt Natascha, "aber am Anfang war alles orientalisch." Für den aktuellen Look hat sie sich von Stanley Kubricks Kinofilm "Eyes Wide Shut" inspirieren lassen, "seitdem haben wir Schlosscharakter".

Prickeln mit Ansage

Die dazugehörigen Gemächer liegen im Arkanum im ersten Stock, hinauf führt eine Treppe mit Auslegeware. Oben sind die Räume mit Schaumstoffmatten gepolstert. Holzwände mit kleinen Fenstern bieten den Spielwiesen exakt das gewünschte Maß an Öffentlichkeit . Die Zimmer tragen Namen wie "Paare Kemenate" und "Gemächte Gemach". Prickeln mit Ansage, und die darf gern auch platt sein. In einem Raum steht ein großes Himmelbett. Später sollen sich hier die Schaulustigen drängen, während sich im Flur die Schuhe stapeln.

Unten an der Schlossbar, die wie ein Frauenkörper geschwungen ist, suchen Marie und Thomas, es sind Decknamen, derweil noch weibliches Gefolge für den ersten Stock. Das Paar ist 25 und 26 Jahre alt und zum dritten Mal bei den "Real Youngsters". Beide haben nur Hemd und Bluse aufgeknöpft, was zwischen Ketten-, Netz- und Spitzen-Dessous fast verschämt wirkt. In einer normalen Disco käme eine solche Suche nicht gut an, sagt Marie. Im Arkanum aber, so erklärt die 25-Jährige, sei der Sex sicher. Aus zwei Gründen: Alle wollten ihn, und er finde an einem ungefährlichen Ort statt, wo Personal Aufsicht führe.

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