Süddeutsche Zeitung

Boom von Swinger-Clubs bei jungen Gästen:Alle mal anfassen

Lesezeit: 6 min

Swinger-Clubs galten lange als schmuddeliger Tummelplatz für verlebte Endvierziger. Doch Szene und Geschäft boomen, Erotikabende als All-Inclusive-Angebote ziehen auch zunehmend junge, attraktive Menschen an. Die suchen Abenteuer oder Ausgleich.

Lisa Frieda Cossham, Eching

Die "Generation Porno" drängt es heute ins Gewerbegebiet. In einen Flachbau in Eching bei München. Neben dem Eingang schaffen Fackeln eine improvisierte Feststimmung, in der Schlange davor geht es um Unauffälligkeit. Die jungen Männer und Frauen, die hier an einem Samstagabend artig auf Einlass warten, einzeln, als Paare oder in Grüppchen, könnten auch für eine Vernissage oder ein Konzert anstehen, wäre da nicht das Schild über der schweren Metalltür: "Lustschloss Arkanum". Wer genauer hinsieht, merkt, dass die Wartenden flüchtige Blicke tauschen, sich gegenseitig mit den Augen abzutasten scheinen. Dass die blonde Frau am Einlass ein bauch- und pofreies Kostüm trägt, irritiert niemanden. Schließlich sind auch die Besucher gekommen, um sich auszuziehen, gemeinsam zu feiern und auch: um Sex zu haben.

Einerseits ist das nicht weiter bemerkenswert. Schließlich ist das Arkanum ein Swingerclub, Partys wie diese sind so alt wie das Publikum, das dem Klischee nach dort hingeht. Womit man aber schon beim Andererseits wäre: Denn die Gäste im "Lustschloss" sind jung. Das Motto des Abends: "Real Youngster Party Vol. 7". Die Altersgrenze: 39 Jahre. Der Zulauf: riesig. Mehr als 600 Besucher haben sich über das Erotikportal "Joyclub" für den Abend angemeldet, nur 250 kommen diesmal überhaupt rein. Bezahlt wurde im voraus, 70 Euro das Pärchen, 100 Euro der Singlemann, 20 die Singlefrau. Und für die Gäste ist Swingen auch keine frivol-verschwiemelte Veranstaltung mehr, sondern das, was Marketingstrategen als Lifestyle-Thema bezeichnen würden.

Hinter der Eingangstür des Arkanums oszilliert die Stimmung zwischen abgeklärtem Pragmatismus und Neugier. Jeder Gast erhält an der Kasse einen Spindschlüssel und geht zum Umziehen in den Keller. Neulinge werden von einem Mitarbeiter in amerikanischer Polizeiuniform wie Touristen durchs Haus geführt, vorbei an der Tanzfläche, dem üppigen Buffet, den Bars und schließlich hinauf zu den Zimmern im ersten Stock.

Die Männer tragen Hotpants oder Hosen, viele Frauen haben sich für Netzstrümpfe, Korsage und hohe Pumps entschieden. Mitunter kippt das Resultat ins Lächerliche, etwa bei der Frau im Lackkostüm, die sich am Buffet vergeblich abmüht, Ketchup aus einer XXL-Tube auf ihre Wurst zu quetschen. Pornopersiflage vor der Fleischplatte. Abgesehen davon sind die Leute, die aus der Umkleide kommen, aber auffallend attraktiv, und in der Mehrheit zwischen 20 und 30 Jahre alt.

"Ausgelutschte Leute über 40 in Lack und Leder"

Wer die Gäste auf gängige Swinger-Klischees anspricht, stößt auf Empörung. Der Swingerclub als Ort, "wo ausgelutschte Leute über 40 in Lack und Leder herumspringen und jeder denkt, man muss Sex haben?", fragt eine 27-Jährige, die sich Mandy nennt, genervt. So stelle es womöglich das Privatfernsehen dar, "diese Berichte sind zum Kotzen." Die Leute wüssten gar nicht, wie es wirklich sei. Ihre Generation sei mit dem Thema Sex in den Medien groß geworden und gehe deshalb ganz selbstverständlich damit um, glaubt Mandy. "Wir sind Generation Porno." Der Swingerclub als Partyveranstalter.

"Richtig losgegangen ist das vor zwei Jahren, als wir die Disco gebaut haben", sagt Natascha, die Chefin im Arkanum ist und tief in roten Polstern sitzt. Früher war das Publikum älter, wie Natascha erklärt, sie gehörte selbst dazu, aber da habe es auch noch kein Buffet gegeben, sondern höchstens Bockwürste mit Salat. Die Chefin raucht zu Cola und Kaffee. Sie ist um die 50 - ihr genaues Alter ist "Privatsache" -, zwölf Jahre hat sie in der russischen Modebranche gearbeitet. Freunde hätten ihr das Startkapital zur Verfügung gestellt, mit dem sie das Wohnhaus im Echinger Gewerbegebiet erweitert habe, erzählt sie stolz. Der Anfang sei schwierig gewesen, aber jetzt brumme der Laden.

Das Arkanum hat an jedem Abend geöffnet, bis auf Sonntag. Die "Youngster"-Partys alle acht Wochen seien ein großer Erfolg, sagt Natascha. "Die jungen Leute können für wenig Geld essen, trinken, haben Disco und Pornokino." Das komme an. Und wer wolle, könne "aktiv" werden.

Forschungsgebiet Sex-Spielwiese

Der Erotikabend als All-Inclusive-Angebot. Als Unternehmerin muss Natascha das so anpreisen. Doch Zahlen und Umfragen geben ihr recht. Swinger-Events wollen heute raus aus der Schmuddelecke - und sind es vielfach schon. Viele Veranstalter kommen aus der Event-Szene, ihre Abende heißen "Young Dreams", "Next Generation" oder "Julepa" (Junge Leute Party), sie finden in Discos oder klassischen Swingerclubs statt und führen den Nachwuchs über Musik und Buffet an die erotische Spielwiese heran.

"Einsteigerpartys" oder "Disco plus X", so nennt Miriam Venn das. Die Soziologin der Universität Wuppertal hat über "Paare in der Swingerwelt" promoviert. Für ihre Doktorarbeit hat Venn über Monate Swinger-Veranstaltungen besucht, Interviews mit Teilnehmern jeder Altersgruppe geführt und deren Handlungsmuster analysiert. Fazit: Die Szene wächst, sie wird immer jünger, und die Ansprüche werden immer größer. Das neue Publikum suche vor allem Partys mit aufwendigen Konzepten, erotischen Mottos und opulenter Ausstattung, erklärt Venn. "Im Vordergrund steht für die Jüngeren erst mal das Prickeln, die Möglichkeit zum Sex ist oft nachrangig, das i-Tüpfelchen."

Das Angebot, mit dem man um die neue Klientel buhlt, wächst längst schneller als die Szene selbst. Die Clubs stehen in harter Konkurrenz zueinander und schließen sich heute mit Veranstaltern wie "Party-Pikant" in Nordrhein-Westfalen oder "Hot 'n' Dirty" in Hessen zusammen. Die Orte: mindestens eine Villa, besser noch eine Burg. Die Teilnehmerzahl: bis zu tausend Gäste.

Im Echinger Arkanum erzählt Natascha, wie stark sie am Image gefeilt habe. Geht es nach der Chefin, dann soll ihr Club "der niveauvollste in Deutschland" werden. Die Räume hat sie selbst gestaltet, immer wieder baut sie um. "Ich war zwar noch nie im Orient", sagt Natascha, "aber am Anfang war alles orientalisch." Für den aktuellen Look hat sie sich von Stanley Kubricks Kinofilm "Eyes Wide Shut" inspirieren lassen, "seitdem haben wir Schlosscharakter".

Prickeln mit Ansage

Die dazugehörigen Gemächer liegen im Arkanum im ersten Stock, hinauf führt eine Treppe mit Auslegeware. Oben sind die Räume mit Schaumstoffmatten gepolstert. Holzwände mit kleinen Fenstern bieten den Spielwiesen exakt das gewünschte Maß an Öffentlichkeit . Die Zimmer tragen Namen wie "Paare Kemenate" und "Gemächte Gemach". Prickeln mit Ansage, und die darf gern auch platt sein. In einem Raum steht ein großes Himmelbett. Später sollen sich hier die Schaulustigen drängen, während sich im Flur die Schuhe stapeln.

Unten an der Schlossbar, die wie ein Frauenkörper geschwungen ist, suchen Marie und Thomas, es sind Decknamen, derweil noch weibliches Gefolge für den ersten Stock. Das Paar ist 25 und 26 Jahre alt und zum dritten Mal bei den "Real Youngsters". Beide haben nur Hemd und Bluse aufgeknöpft, was zwischen Ketten-, Netz- und Spitzen-Dessous fast verschämt wirkt. In einer normalen Disco käme eine solche Suche nicht gut an, sagt Marie. Im Arkanum aber, so erklärt die 25-Jährige, sei der Sex sicher. Aus zwei Gründen: Alle wollten ihn, und er finde an einem ungefährlichen Ort statt, wo Personal Aufsicht führe.

Sex als Konsum

Marie hat feine braune Locken und ein weiches Gesicht, mit dem sie für Naturkosmetik werben könnte. Später werden sie und ihr Freund mit Michaela, 20, anbandeln, die ins Arkanum kommt, seit sie 17 ist. "Ich brauche das, mit anderen Pärchen und Männern zu schlafen", sagt Michaela, die Steuerfachgehilfin ist. Einmal hat sie einen Mandanten hier getroffen. Erkannt hat sie ihn aber erst nach dem Sex. Sie muss kichern, so wohlig peinlich ist die Anekdote. Dann küsst sie Marie.

Dass 20-Jährige zur Zielgruppe für Veranstalter von Erotikpartys werden konnten, hat nach Meinung von Experten eine ganze Reihe von Gründen. Bei vielen sei ein neues Verständnis von Treue zu beobachten, sagt der Münchner Paar- und Sexualtherapeut Abbas Schirmohammadi. Paare wie Marie und Thomas trennen heute zwischen Sex und Liebe, glaubt er. Und Sex werde immer mehr als Konsumgut gesehen, das man haben könne, ohne irgendwelche Verpflichtungen einzugehen. Der Therapeut berät in seiner Praxis immer mehr junge Menschen, die mindestens so viele Partner wie Lebensjahre hinter sich haben. Und er behandelt 12- oder 13-Jährige, deren Vorstellung von Körperlichkeit und Intimität sich durch Pornos im Internet oder explizite Musikvideos völlig verschoben habe.

Vorbilder wie Britney Spears, Lady Gaga oder Rihanna mit Lederpeitsche und Lackcorsage inszenierten Sex als bisweilen sogar gewalttätige Pose. "Diese Vorbilder haben die Generation Porno erst salonfähig gemacht , sagt Schirmohammadi. Pastor Bernd Siggelkow, Leiter des Berliner Kinder- und Jugendwerks "Arche", der mit seinem Buch "Deutschlands sexuelle Tragödie" vor vier Jahren eine Diskussion auslöste, drückte es noch drastischer aus. Er warnte vor der Beziehungsunfähigkeit und "sexuellen Verwahrlosung" einer ganzen Generation.

Ganz so weit würde Miriam Venn nicht gehen. "Generation Porno" sei eher ein griffiges Label und eine Provokation zugleich, glaubt die Soziologin, die vor allem "eine aufgeklärte Neugier" und Abenteuerlust für den Boom der Erotikpartys verantwortlich macht. "Sich auszuprobieren" sei den Jugendlichen wichtig, erklärt sie. Venn hat allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass viele ältere Swinger angesichts der Verjüngung ihrer Szene irritiert seien. "Leute", sagten die, "jetzt macht doch mal halblang".

Marktführer mit einer Million Mitglieder

Doch Zurückhaltung ist nicht die Botschaft in einer Zeit, in der das Angebot im Netz keine Grenzen kennt. Einsteiger kommen über Foren wie "Joyclub", "Augenweide", "Venuszeit" oder "Poppen.de". Dort verbreiten sich Swinger-Events nicht mehr als Geheimtipp, sondern als Großveranstaltung. Der Marktführer Joyclub zählt heute mehr als eine Million Mitglieder. Von den Besuchern im Arkanum hat dort jeder ein eigenes Profil - Voraussetzung für den Zutritt zur Party.

Auf der Tanzfläche im Lustschloss ist es mittlerweile eng geworden. Aus den Boxen röhrt eine Männerstimme: "The night is young and dirty, the night is young and sexy." Der Song verschwimmt zum Bass-Crescendo, Nebel wabert über den Boden. Chefin Natascha steht an der Bar mit einer schwarzen Perücke, wie Uma Thurman in "Pulp Fiction".

Die Männer vor ihr haben nackte Oberkörper, einige tragen passend zur Leinenhose einen weißen Schal über brauner Haut. Frauen in engen Korsagen und schimmernden Stofffetzen wagen erste Poledance-Nummern. Mittlerweile bieten Mitarbeiterinnen des Clubs sogar erotische Tanzkurse an. "Arkanum Dance Akademy" sagt Natascha. Noch ist der Name ein Scherz.

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Quelle:
SZ vom 19.06.2012/leja
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