Bolivien:So überlebte ich meine Entführung

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Bolivien: Zeitungsausschnitt der Bild nach der Entführung

Zeitungsausschnitt der Bild nach der Entführung

(Foto: privat)

Michael Wurche wurde in Bolivien entführt. Elf Tage zwischen Angst und Hoffnung.

Kollegen nannten mich "den Katastrophen-Wurche", denn wohin ich auch versetzt wurde, geschah Dramatisches: Unruhen, Erdbeben, Terroranschläge und Aufstände. All das habe ich unversehrt überstanden. Nur einmal, in Bolivien, wurde es verdammt eng für mich.

Seit August 1982 arbeitete ich als Lufthansa General Manager Bolivien und Stationsleiter in La Paz. Wir, meine mexikanische Frau Lucia, damals 29, unsere beiden fünf und sechs Jahre alten Jungen und ich, damals 40 Jahre alt, fühlten uns wohl in Bolivien. Ein Jahr und zwei Monate lang. Bis zum 14. November 1983.

Bolivien: Familienbild von 1980 vor der Versetzung nach La Paz.

Familienbild von 1980 vor der Versetzung nach La Paz.

(Foto: privat)

Am Abend dieses Tages stieg ich vor meiner Haustür aus dem Auto, da rief jemand hinter mir "Alto!". Plötzlich sah ich fünf Bewaffnete aus der Dunkelheit auftauchen. Da ich an einen Raubüberfall glaubte, warf ich den maskierten Männern sofort meine Geldklammer entgegen. Wie mir die Gangster später erzählten, hätte mich diese Handbewegung fast das Leben gekostet.

Mit einer Maschinenpistole im Rücken wurde ich auf den Rücksitz meines Wagens gestoßen. Im Auto warfen sich drei Männer auf mich. Vorn stiegen zwei Personen ein, einer wollte losfahren, würgte aber den Motor ab. Trotz mehrerer Startversuche sprang er zunächst nicht an. Mir drohte nun zum zweiten Mal die Erschießung. Die Gangster hatten verabredet, dass sie mich töten wollten, wenn etwas schiefgehen sollte. Sie wollten verhindern, dass ich eine sofortige Fahndung auslösen konnte.

Doch dann startete der Motor. Man jagte mir eine gefährliche Überdosis des Betäubungsmittels Ketalan in den Oberarm, mit einer gebrauchten Spritze. Wenn ich an diesem Tag auf einer der üblichen Zusammenkünfte der internationalen Gemeinschaft in La Paz Alkohol getrunken hätte, erklärten mir später Ärzte, wäre ich an Atemstillstand gestorben.

Den Lauf des Revolvers im Genick

Die Überdosis löste einen unbeschreiblichen Drogenrausch aus. Ich soll derart getobt haben, dass mich drei Männer nicht bändigen konnten. Einer setzte mir schon den Lauf seines Revolvers ins Genick, um mich zu erschießen, als die Wirkung unvermittelt nachließ. Ich erschlaffte und versank in tiefe Bewusstlosigkeit.

Bolivien: Nach der Verhaftung mussten Szenen nachgestellt werden. Oben: Blick von der Mauer gegenüber unserem Grundstückseingang, hier versteckten sich die Entführer. Mitte und unten: Polizeifotos vom Nachstellen der Entführung drei Monate nach den Festnahmen.

Nach der Verhaftung mussten Szenen nachgestellt werden. Oben: Blick von der Mauer gegenüber unserem Grundstückseingang, hier versteckten sich die Entführer. Mitte und unten: Polizeifotos vom Nachstellen der Entführung drei Monate nach den Festnahmen.

(Foto: privat)

Stunden später erwachte ich benommen auf einem Bett in einem halbdunklen Raum. Ich war angekettet. Vier Maskierte bauten sich vor mir auf, die mich schweigend durch die Schlitze ihrer Masken anstarrten, ihre Waffen drohend auf mich gerichtet. Wer waren die Männer? Was wollten sie von mir? Vor allem aber: Was hatten sie mit mir vor?

Meine Frau fand im Morgengrauen eine Lösegeldforderung vor unserem Haus. Für sie waren die folgenden Tage schlimm, aber sie schaffte es, unsere Kinder die ganze Zeit glauben zu machen, ich sei auf einer Dienstreise.

Der Vorstand der Lufthansa schickte eine Delegation nach La Paz, die meine Freilassung betreiben sollte. Zu ihr gehörten ein externer Psychologe, ein Kriminaldirektor des BKA, der stellvertretende Sicherheitschef der Lufthansa sowie mein Vorgänger als Stationsleiter von La Paz, der als Einziger aus diesem Kreis Spanisch sprach.

Kein Spiel auf Zeit

In La Paz befragte der Psychologe meine Frau ausgiebig über mich. Er fragte sie, was ich ihrer Ansicht wohl genau in diesem Augenblick täte. Sie antwortete, dass sie sich vorstellen könne, dass ich mit den Entführern über das Lösegeld verhandle, um den Preis zu drücken. Nun empfahl der Psychologe dem Lufthansa-Vorstand, man solle auf Zeit spielen und das Lösegeld in Ruhe herunterhandeln. Nach dem von ihm erstellten psychologischen Profil von mir würde ich auch längere Zeit durchhalten. Aber der Vorstand wollte nichts riskieren und genehmigte sofort die geforderte Summe von 1,5 Millionen US-Dollar, damals genau vier Millionen DM.

Meine Entführung wurde durch Murphy's Gesetz kompliziert: "Was immer schiefgehen kann, geht schief." In diesem Fall gab es sogar noch eine Steigerung durch Finagle's Gesetz: "Zur ungünstigsten Zeit und in der schlimmstmöglichen Weise."

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