Bio-Lebensmittel Der Fall Herrmannsdorfer: Schwein gehabt

Karl Ludwig Schweisfurth verkaufte die größte Wurstfabrik Europas, um von vorne anzufangen - mit glücklichen Schweinen. Ein Besuch in seiner Ökowelt.

Von Sarina Pfauth

Sie schlachten hier. Auch in dieser heilen Welt fließt Blut. Aber Metzgermeister Jürgen Körber verrichtet seine Arbeit anders als seine Kollegen in den Wurstfabriken. Eine der Büro-Angestellten sagt über ihn: "Der langt das Fleisch an wie eine Frau." Auch wenn so ein Satz ungewöhnlich klingt - er beschreibt tatsächlich, wie der Metzgermeister ein Schweinefilet anfasst.

"Die Wertschätzung für das Lebensmittel ist verlorengegangen", schimpft Körber, der in den Herrmannsdorfer Landwerkstätten im oberbayerischen Glonn arbeitet. Jeden Tag Fleisch auf dem Tisch, das darf es eigentlich nicht geben, findet er. Fleischindustrie, Metzger am Fließband, Schweine in riesigen Mastbetrieben: Es graust ihm, wenn er darüber nachdenkt.

Körber - im blau-weiß-gestreiften Metzgeroutfit - steht zwischen Wurstmaschine und Lyonerringen und fragt: "Warum soll ein Filet mehr wert sein als ein Kopf? Das Viech war doch ein Ganzes!" Man sei es dem Tier schuldig, möglichst viel von ihm zu verwerten, das sei eine ethisch-moralische Frage.

Deshalb verbringen der Metzgermeister und seine Mitarbeiter Stunden damit, Schweinedärme zu waschen - obwohl man die Wurst auch einfach in billige Kunstdärme abfüllen könnte. "Wir fragen nicht, ob sich das lohnt", sagt Körber. "Wir machen's einfach, weil sich's so gehört."

Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten sind ein Modellprojekt, eine kleine Welt, in der getestet wird, ob Lebensmittel heute noch mit Achtung vor der Natur hergestellt werden können und sich das Geschäft dennoch rentiert.

Schöpfer dieser Welt ist Karl Ludwig Schweisfurth, dem einst Herta, die größte Wurstfabrik Europas gehört hat. Sein Großvater hatte schon eine Metzgerei geführt, sein Vater und er bauten den Familienbetrieb zum größten Wurstkonzern Europas aus: 5500 Mitarbeiter, mehr als eine Milliarde Mark Umsatz im Jahr, 25.000 geschlachtete Schweine pro Woche.

Die Leute kauften seine Ware - und Schweisfurth verstand immer weniger, warum. Die industrielle Fertigung brachte nicht die Qualität hervor, die der Firmenchef erwartete. Der Preisdruck stieg, die Ware wurde immer billiger. Und immer schlechter.

Den Kälberhormonskandal Anfang der achtziger Jahre nahm Schweisfurth zum Anlass, mit seinen Managern zum ersten Mal eine Schweinezucht zu besuchen. Er sah, was die Zahlen, mit denen er täglich jonglierte, in der Praxis bedeuteten. Die Massentierhaltung hinterließ bei ihm ein beklemmendes Gefühl. Und noch dazu wurde daheim am Küchentisch ordentlich geschimpft, keines seiner drei Kinder wollte Wurstkönig werden.

In Oberbayern hielten sie ihn für spinnert

Immer öfter fragte er sich: Kann ich auf diese Qualität noch stolz sein? Ist es richtig, mit Tieren so umzugehen? Ein Gedanke verfestigte sich immer mehr bei dem Herrscher des Wurstimperiums: Die Antwort auf all diese Fragen musste "nein" lauten.

Er zog die Konsequenzen.

Karl Ludwig Schweisfurth verkaufte das Unternehmen an den Nestlé-Konzern und zog vom Ruhrgebiet nach Bayern. Er kaufte das Anwesen eines verstorbenen Bauern im winzigen Ort Herrmannsdorf im Landkreis Ebersberg auf, rund 40 Autominuten von München entfernt, und begann mit der ersten deutschen Bio-Schweinehaltung. Seine Verwandten schüttelten die Köpfe, die Geschäftspartner verstanden ihn nicht. Und in Oberbayern hielten sie ihn für spinnert.

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