Kolumne: Vor Gericht:Lauter Elendsgeschichten

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(Foto: Steffen Mackert)

Gabriele Tergit war eine berühmte Gerichtsreporterin der Weimarer Zeit. Was sie beobachtete, gilt auch heute: Die meisten Prozesse handeln von Armen, Gescheiterten, Glücklosen, nicht von Bösen.

Von Ronen Steinke

Wenn man Zeitung liest und Fernsehen guckt, könnte man manchmal den Eindruck gewinnen, die Strafjustiz beschäftige sich vor allem mit großen, üblen Verbrechen. Terror. Clans. Sexualdelikte. Das sind die Prozesse, die es in die Schlagzeilen schaffen. Aber wenn man tatsächlich mal einen Tag bei Gericht verbringt, einen Frühlingstag im Amtsgericht in Berlin-Moabit zum Beispiel, zwischen den uralten Sälen hin und her schlendert, ohne Ziel, dann entdeckt man hinter den meisten Türen eher etwas anderes. Gabriele Tergit, die berühmte Gerichtsreporterin der Weimarer Zeit, hat das vor hundert Jahren so beschrieben: Die typische Tat ist ein kleiner Diebstahl, der typische Täter "klein, farblos, verpickelt, schwächlich, wie Menschen werden, die als Kinder schlecht gepflegt und ernährt werden".

Manchmal sind es auch Frauen. Heute steht im siebten Stock des Gebäudes, Saal 701, beispielsweise eine junge Rumänin vor Gericht, Mutter von zwei Kindern, die laut Anklage "diverse Fleischwaren im Wert von 25,20 Euro" bei Edeka eingesteckt haben soll. Die Reporterin Gabriele Tergit hätte sie vielleicht als "ganz weiche, kleine Person" beschrieben, vom Leben überfordert, so wie sie die Morphinabhängigen, Gescheiterten, Glücklosen, die man hier vor allem antrifft, immer respektvoll skizziert hat, nie herablassend. Man braucht nur ein paar Räume weiter zu gehen, in Saal 465: Ein Schwarzfahrer steht vor Gericht. Oder in Saal 455, ein Obdachloser wegen Ladendiebstahls.

Von 200 Hauptverhandlungen ist nur einer ein Mordprozess

Die meiste Zeit über beschäftigt sich die Strafjustiz gar nicht mit den wenigen Gewalttätern, die es gibt. Sie beschäftigt sich mit der Art von kleiner Stehlerei, bei der man nicht reich wird. Exakt 200 Hauptverhandlungen sind es an diesem Tag. Vergewaltigungsprozesse: gibt es an diesem Tag nur einen. Mordprozesse: ebenfalls einen. Oben unterm Dach, hinter Panzerglas, läuft auch ein sogenannter Clan-Prozess, von dem man oft in den Medien liest, weil die Vorwürfe so schräg sind und weil Rapper darin vorkommen. Aber dort ist gerade geschlossen.

Es ist lange her, dass Gabriele Tergit aus diesem Gebäude berichtete, "Moabit ist seit einigen Jahren Quelle für die Erkenntnis der Zeit", fand sie damals. Aber, ketzerischer Gedanke: Wenn man Journalistinnen und Journalisten heute dazu verpflichten würde, nicht bloß die vermeintlich spektakulären Verfahren zu besuchen, sondern nach dem Zufallsprinzip in Prozesse zu gehen - ein paar Stunden in Saal 455, ein paar Stunden in Saal 138, ein paar Stunden in Saal B136... -, dann wären die Zeitungen noch heute voll von solchen Elendsgeschichten.

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