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Autobiographie:Wenn Mario Adorf böse wird

Da waren sie noch nett zueinander: Dieter Wedel und Mario Adorf bei der Premiere des ZDF-Sechsteilers "Die Affäre Semmeling" im Hamburger Rathaus, 2001.

(Foto: Foto: dpa)

Neuntens: Nur der Kraftvolle ist manisch.

Filmerei ist nicht gesund, erkennt Wedel. "Wenn ich drehe, leide ich unter Schlaflosigkeit." Einmal beschreibt der Künstler, wie die beiden Hauptdarstellerinnen von "Einmal im Leben" glücklicherweise abwechselnd versuchen, "mich über die schlaflosen Nachtstunden hinwegzutrösten". Die Beziehung zu Dagmar Berghoff, der späteren "Tagesschau"-Sprecherin, erweist sich als dauerhafter - "aber die versteckte Eifersucht der beiden Frauen kam den Filmszenen zugute, in denen sie sich gegenseitig eifersüchtig belauern sollten".

Als die Manie mit den Frauen zu groß wird, schreibt er einmal "Bekenntnisse eines hässlichen Mädchens": Eine wenig attraktive Frau freut sich darauf, 40 und älter zu werden, damit sie mit den Hübschen gleichziehen wird. Insgeheim träumt er von einem großen Theaterengagement, hat er doch schon in jungen Jahren als Leiter der Berliner Studentenbühne mit Kotzebues Satire "Die deutschen Kleinstädter" großen Erfolg.

Einmal, bei der "Affäre Semmeling", springt der manische Regisseur spontan während der Dreharbeiten vom hohen Kamerapodest - und kommt unglücklich auf dem Kopfsteinpflaster auf. Der Hüftkopf ist abgebrochen, doch Wedel verweigert sich der Operation, nimmt Tabletten, hinkt ein Jahr und stellt unter großen Schmerzen den Film fertig.

Wie sagt der Titelheld: "Man muss sich in diesem Beruf immer wieder neu erfinden. Oder man verschwindet."

Zehntens: Wer das Bild hat, hat die Macht.

Den Erfolg seiner besten Werke "Der große Bellheim" und "Der Schattenmann" hat Wedel auch einem Star des Gewerbes zu verdanken: Mario Adorf. Der Schauspieler gehört zu den Mitinitiatoren der Nibelungen-Festspiele in der Nibelungenstadt Worms - und damit schleicht sich das Prinzip Schwertkampf ins Leben des Regie-Allgewaltigen Wedel.

Am Anfang ist noch alles Sonnenschein, Wedel wird als Regisseur für das Wormser Stück gewonnen und das aufzeichnende ZDF rettet im letzten Moment mit dem eigenen wunderbaren Technik-Equipment die Aufführung. Doch dann muckt sich Mario Adorf, der sich angeblich schon bei der Premiere dagegen verwahrt, dass sich die Schauspieler einzeln verbeugen sollen, wie Wedel ätzt: "Fürchtete er, die anderen könnten mehr Beifall bekommen?"

So ist das Theater, immer geht es um den meisten Beifall, und das Fernsehen ist nicht viel anders. Nach einer weiteren Aufführung beschwert sich Adorf, das Licht sei schlecht gewesen: "Hatten die Leute heute Abend nicht ein Anrecht auf korrektes Licht?", brüllt er: "Scheiß doch auf das Fernsehen!" Irgendwann sagt Wedel: "Weißt du was, Mario, leck mich am Arsch!" Und Adorf erwidert mit kippender Stimme: "Weißt du, was du bist? Ein kleiner Fernseharsch! Nichts weiter als ein kleiner Fernseharsch!"

Mit diesem Dialog endet "Wedel: Der Film". Adorf muss natürlich selbst sprechen.

PS Dieter Wedel darf in den Jahren darauf, sehr zum Kummer von Adorf und der Festspiel-Initiatoren, sogar als Intendant in Worms wirken. Und das ist wirklich ziemlich viel für einen "kleinen Fernseharsch".

© sueddeutsche.de/jja/bre
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