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Allein im Restaurant:Redford hat recht

Essen ohne ein Gegenüber ist reduziert auf den Akt der Nahrungsaufnahme, findet Oliver Klasen. Warum Robert Redford richtig liegt und ein Mensch, der allein im Restaurant sitzt, unser Mitleid verdient.

Wenn Robert Redford mir tatsächlich gegenübergesessen hätte, damals im August, in diesem feinen Fischrestaurant an der Strandpromenade von Salerno. Wenn er tatsächlich aufgestanden, auf meinen Tisch zugegangen und mich, der ich alleine dort saß, zu sich gebeten hätte, es hätte mir gefallen. Ganz kurz nur wäre es ein bisschen peinlich geworden, weil ich die schon angeknabberte Fischplatte, die ich bestellt hatte, den Brotkorb und das halbvolle Weißweinglas hätte herüberbalancieren müssen, an den anderen Tisch, zu Redford und seiner Familie.

Wir hätten dann geredet, über italienische Küche und Kultur vielleicht, über seine neuen Filmprojekte, die Rollen, die er unbedingt noch spielen will. Ich hätte ihn gefragt, ob er Quentin Tarantinos letzten Film "Django Unchained" gut findet und danach, wie er die Bedeutung des klassischen amerikanischen Westerns für das heutige Kino einschätzt, solche Sachen.

Es wäre, jedenfalls stelle ich mir das jetzt so vor, bestimmt ein gutes Gespräch geworden. Auf jeden Fall besser als jene Lage, in der ich stattdessen war. Allein in diesem Fischrestaurant in Salerno, wo das Schlimmste war, dass der Kellner nicht einmal das zweite Gedeck abgeräumt hatte, mit dem die Tische standardmäßig bestückt waren.

Meine Bekannten, mit denen ich ein paar Tage in Rom verbracht hatte, waren schon abgereist. Ich aber wollte den Urlaub noch ein bisschen verlängern und hatte mir alles so schön vorgestellt. Und es war schön - der Strand in der Bucht von Minori, der weiße Fiat, den ich rasant durch die Serpentinen der Amalfiküste jagte und das Panorama, das überall so beeindruckend war, dass sich davon eine Postkarte drucken ließ - ja, es war schön, bis zu diesem Moment.

Umzingelt von Gruppen

Denn Redford hat recht: Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als im Restaurant alleine essen zu müssen. Beim alltäglichen Mittagessen, in einem dieser hippen Cafés in der Innenstadt, da geht es noch einigermaßen. Da sitzen vielleicht noch andere Büro- und Businessmenschen, die alleine essen. Da kann man möglicherweise noch ein bisschen auf dem Smartphone herumspielen und so tun, als gäbe es wichtige Termine zu checken oder als lese man Le Monde diplomatique. So lässt sich kurzzeitig vergessen, dass man alleine ist.

Abends im Restaurant funktioniert das nicht. Da ist man umringt von lauter Pärchen, die sich verliebt anschauen und Gruppen, die sich angeregt unterhalten. Da ist man völlig zurückgeworfen auf sich selbst. Da hilft das Smartphone bestenfalls über die Wartezeit, bis das Essen kommt. Dann bleibt nur der Teller auf dem Tisch, man isst, oft viel zu schnell, nach zehn Minuten ist man fertig und - allein.

Es soll ja Männer geben, die nicht in der Lage sind, ohne ihre Frau einkaufen zu gehen. Weil sie jemanden brauchen, der ihnen sagt, dass eine schräg gestreifte Krawatte nicht unter ein längs gestreiftes Sakko passt. Andere Menschen suchen sich auf Online-Seiten einen Jogging-Partner. Doch beides funktioniert auch alleine. Eine einzelne Läuferin im Park sieht nie unwürdig aus. Ein einzelner Mann, der sich beim Herrenausstatter beraten lässt, auch nicht.

Doch Essen ohne ein Gegenüber ist reduziert auf den Akt der Nahrungsaufnahme, verkommen zu einer vom Körper diktierten Notwendigkeit, sämtlicher sozialer Komponenten beraubt. Darum ist es gut, dass es Menschen wie Robert Redford gibt, die sich der einsamen Esser annehmen.

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