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25 Jahre Glykolskandal:Süßes Gift

Vor 25 Jahren wurde bekannt, wie die österreichischen Winzer ihre Tropfen so süß bekamen: Durch Zugabe von Frostschutzmittel. Der Skandal führte zu einer wundersamen Auferstehung des österreichischen Weins.

Michael Frank

"Verachtet mir nicht den Grünen aus Meißen." So ermahnte einst Geheimrat Goethe seine überheblichen Frankfurter Freunde. Die meinten, nur am Rhein wachse schöner, "süßer" Wein, aber an der Elbe? Die Sucht nach süßem Wein in Deutschland - und das war der aus Sachsen nicht - sollte lange Zeit beinahe eine ganze Weinnation in den Abgrund reißen. Vor 25 Jahren, im August 1985, erreichte der sogenannte Glykolskandal seinen Höhepunkt: Das bundesdeutsche Gesundheitsministerium in Bonn präsentierte eine Warnliste von 803 österreichischen und 27 deutschen Weinen, deren Verzehr wegen hohen Anteils von Diäthylenglykol gefährlich sei. Diäthylenglykol, ein handelsübliches Frostschutzmittel, ist süß und verleiht allem, dem man es beimengt, geschmeidige Lieblichkeit. Und es ist hochgiftig.

Winzer sind Gewinner des Klimawandels

Heute begehrt: Reben aus Österreich. Die Winzer des Alpenlandes setzen inzwischen auf eine saubere und qualitativ hochwertige Produktion.

(Foto: dpa)

Manche erinnern sich noch an die Fernsehbilder, wie Reporter neben dem Auto mit geöffneter Motorhaube so taten, als kippten sie österreichischen Wein als Frostschutz in den Kühler. Der Glykolskandal schädigte Österreichs Ruf grausam, wurde Quell von Schmähungen und Witzen - und einer Renaissance der Weinkultur, wie sie beispiellos ist in Europa. Ausgelöst hatte ihn die Vorliebe deutscher Saufnasen, die glaubten, Wein müsse recht süß und überdies billig sein.

In Österreich, dessen Weinkultur bis dahin ehrliche trockene, saure oder breite Zechweine kannte - außer traditionellem Süßwein im Seewinkel und lieblichem Gumpoldskirchner - erlag man der Versuchung. Winzer möbelten ihren anständigen, aber bescheidenen Grünen Veltliner, den Welschriesling, den pampigen Goldburger mit Glykol zu lieblichen Spät- und Auslesen auf, zu erstaunlich mäßigem Preis. Eine österreichische Auslese zu 3,88 Mark in deutschen Supermärkten war keine Seltenheit, obwohl solcher Wein zu solchem Preis nie hergestellt werden könnte.

Deutsche Gier nach süßem Wein

Deutscher Wein wurde durch Panschereien mit österreichischem Import infiziert. Deutscher schlechter Geschmack hat also Österreich kriminell werden lassen. In Österreich jedenfalls fand dieses Gebräu viel geringeren Absatz.

Aufgeflogen ist die Sache durch einen findigen Finanzbeamten. Ein dreister burgenländischer Weinbauer, dem die Kartoffeln noch nicht dick genug waren, wollte übergroße Mengen Glykols von der Steuer absetzen. Obschon es bereits im Januar 1985 Gerüchte gab, stellte man erst im April Untersuchungen an, und erst im Sommer wurde der Skandal offiziell. Im Weinviertel kippten die Kläranlagen ganzer Ortschaften um, weil Winzer tankweise Glykolwein in die Kanalisation schütteten. Es gab Selbstmorde, Verhaftungen, Urteile. Millionen Liter glykolverseuchten Weins standen später für Jahre in riesigen Tankanlagen herum, die später, nach dem Ende des Kommunismus, oft über graue Kanäle endgültig in den Kehlen durstiger Bürger des alten Ostblocks versickerten.

Wien aber erließ das wohl schärfste Weingesetz Europas, neben dem das deutsche eine schwammige, unspezifische Sache darstellt. Das Gesetz war erst so streng, dass man um ein Haar keinen Sekt mehr hätte produzieren können. Auch wenn das Bild schief ist, Österreichs Weinwirtschaft hat sich seither wie Phönix aus der Asche erhoben. Von der Wachau und der Südsteiermark ausgehend - die eine Region war vom Glykolskandal gar nicht, die andere gering betroffen - besann man sich auf den knackigen, reschen, ehrlichen Wein, fast ausschließlich Weißwein. Die ohnedies günstigen Bedingungen guter Erde und des sonnenreichen Einflusses des pannonischen Kontinentalklimas ließen die neue Winzergeneration auf das setzen, was die Natur ohnehin reichlich bot: mineralische, kräftige, und doch wegen ausreichender Säure frische Weißweine.

Das härteste Weingesetz Europas

Diese Linie wurde zu einem Welterfolg. Die deutschen Winzer, die manchmal noch weit Strahlenderes produzieren könnten, brauchten Jahre und Jahre, bis sie begriffen, dass sich in Österreich eine neue Tugend der Klarheit und Frische entwickelte, die nachahmenswert wäre. Immer mehr Gegenden wie Kamptal und Weinviertel erwarben sich neuen Ruhm. Sogar der als harter Knaster verschriene "Brünnerstrassler" nordöstlich Wiens bekam plötzlich Charakter. Und besonders im Burgenland und der Thermenregion entdeckte man, dass sich hier ideale Bedingungen für feurigere, durchaus körperreiche Rote fänden. Das Burgenland etwa, heute mit seinem Blaufränkisch, dem Pinot Noir, den bemerkenswerten Cuvées, überwiegend als rote Region berühmt, war ja auch immer noch Weißweinland, ist es zur Hälfte noch heute. Hier erklimmt manchmal sogar der Allerweltswein Zweigelt seltene Spitzen.

Da hat also deutscher schlechter Geschmack Österreich zu seinem Weinwunder verholfen.

Jene, die Österreichs Ehre gerettet haben, die dafür sorgten, dass nach dem Zusammenbruch des Marktes Österreich heute eher im oberen Preissegment mehr absetzen kann, als es Wein produziert, übergeben allmählich an die Erben. Da streiten neuerdings zwei Schulen: Die einen treiben den Kult für saftige Frische und raschen Konsum auf die Spitze, die anderen wollen wieder körperreiche, dauerhafte Kreszenzen auf den Tisch bringen. Die zweite Linie denkt den Klimawandel mit, der auch dem delikaten Wein Österreichs auf Dauer die Frische rauben könnte. Längst hat man Verfahren entwickelt, die Erwärmung zu kompensieren.

Heute übrigens beginnen spritzige deutsche Weiße klammheimlich den österreichischen Markt zu erobern. Wer hätte das gedacht?

© SZ vom 19.08.2010/jado

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