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Zur Lage der Pop-Musik:Das Neuste ist wieder in den Fünfzigern angekommen

Pop als linearer Ablauf, als kulturelle Entwicklung parallel zum Erwachsenwerden einer Generation hörte in den achtziger Jahren auf zu existieren. Auf die Zersplitterung der "Jugendkultur" folgte ein Pragmatismus der Gleichwertigkeit. Distinktion ging für immer flöten, indem sie bis zur Unkenntlichkeit eingefordert wurde. Heino war plötzlich neben Frank Sinatra und Death Metal: irgendwie erlaubt. Anything sells. Pop verlor seine gemeinsame Sprache, wurde wortlos, aber immer lauter. Der ganze Körper(einsatz) war mehr gefragt denn je. Techno, House. Schriftsteller sorgten jetzt mit flankierenden Worten für den ideologischen Halt, vorwärts, vorwärts aber um jeden Preis. Man konnte den Eindruck gewinnen, jeder Mitredende im Pop-Spiel sei dazu verdammt, schon heute zu wissen, wovon man übermorgen in Detroits Clubs träumen wird.

Die Definitionshoheit der schnatternden Hipster traf in Deutschland, den USA, in Großbritannien das gemeine Pop-Volk mit ganzer Härte: Wer nicht mitmachen wollte bei dieser sinnfreien, nur noch die eigene Bedeutung glorifizierenden Hetzjagd durch den immer schmaler werdenden Canyon des Neuen, hatte nur den Gnadenschuss zu erwarten: Du Nick Hornby. Alte Musik durfte - wenn überhaupt - nur noch als Wissensspeicher herhalten, als Geheimquelle, aus der man bei der Klassifizierung oder Fabrikation von Neuem schöpfen konnte, etwa im Hip-Hop. Jeder Flohmarkt konnte zur Schatzinsel werden, jedes verrauschte Original aus den Ramschkisten zum Rädchen im Perpetuum mobile dieser Pop-Hipster, die in ihrem Definitions- und Erklärrausch bis heute nicht wahrhaben können und wollen, dass, würden sie sich auf ihrer wilden Jagd umblicken, niemand mehr hinter ihnen ist. Nur Wüste.

Das Neueste findet sich heute vermutlich im Netz, in Blogs, auf YouTube. Die meisten Pop-Fans - und Fans sind sie noch immer - interessiert es nicht mehr wirklich. Denn das Neueste ist oft genug wieder nur das, was minderjährige und minderbemittelte Teenager gerade für sich als das Neueste entdecken. Witze, die man schon tausendmal gehört hat. Lieder, die schon tausendmal komponiert worden sind. Posen, die schon jeder einmal eingenommen hat. Das Neuste ist wieder in den Fünfzigern angekommen.

Sicher liegt viel Schuld am Relevanzverlust von Pop als Zeitgeistmessgerät bei der Musikindustrie selbst, die jedes inhaltliche Interesse an ihrer Ware verloren hat, doch trägt auch die wilde Jagd der Sinnstifter Verantwortung. Dass man jahrzehntelang das Beste, was Pop hervorgebracht hat, zugunsten marginaler Ausdifferenzierungen oder lächerlicher Eintagsmoden ignoriert oder gar abgeschrieben hat, verzeiht die Praxis des Lebens im Pop nicht so leicht.

Der Jugendfetisch, die Vitalitätsreligion machte es ihnen unmöglich zu erkennen, dass die tatsächliche Jugend heute mit großer Liebe und Hingabe die Musik eines Bob Marley, eines Johnny Cash, von Motörhead oder Black Sabbath hört, New Order herunterlädt oder die Undertones - denn eingefroren im Medium ist dies immer noch Musik von jungen Leuten. Und was davon gut ist, kann heute ebensolche Wunder wirken wie einst: Die "Teenage Kicks" riechen immer noch nach "Teen Spirit". Und die ältere Generation der Pop-Hörer wehrt sich mit dem immer zahlreicher werdenden Kauf von bei der avancierten Kritik so verpönten Box-Sets, Luxus-Editionen oder Best-of-DVDs gegen das Diktat der allfälligen Beweglichkeit.

Was hat es schon gebracht, sich nicht mit Dingen und Menschen zu umgeben, die man liebt? Man wird von den Arbeitgebern noch rücksichtsloser durch die Arbeitswelt und um den Globus geballert, jetzt, wo man alles dafür getan hat, frei und ungebunden zu sein und es stets mit den Jungen aufnehmen soll und kann.

Die Ideologien der Hipster von vor dreißig Jahren sind das Gesicht der Aus- und Vernutzung von heute. Es ist geradezu ein Akt des Widerstands gegen diese Art als Freiheit getarnten Verfügbarkeitsirrsinns zu heiraten, fünf Kinder zu kriegen, ein Haus zu bauen und nie woandershin als nach Osnabrück in Urlaub zu fahren, und sich dazu eine LP-Box mit den Mono-Abmischungen der ersten acht Alben von Bob Dylan ans Bein zu binden.

Es ist Protest, wenn die Charts gerade mit sündteuren oder spottbilligen Editionen von Pink Floyd oder Nirvana verstopft werden, Protest gegen den offenkundigen Schwachsinn, der uns einreden will, dass wir die Untiefen einer Lady Gaga für wichtiger nehmen sollten als einst die Untiefen der Les Humphries Singers. Der Einzug der Philologie in den Pop ist nur ein Zeichen seines Erwachsenseins.

So wie es keinen Grund gibt, sich über einen Bildband von Cy Twombly, die Luxusausgabe der Tagebücher Andy Warhols oder eine Neuübersetzung der "Göttlichen Komödie" zu echauffieren, so wenig Grund gibt es, über Outtakes der "Loaded"-Sessions von Velvet Underground zu lächeln.

Ob die dabei ausgebuddelten Songs in meinem Leben einen Platz finden, ob sie Bestand haben, ist eine Frage, die man auch an das Tagebuch Thomas Manns stellen kann oder an Musil-Fragmente. Pop spricht heute zu Zwölfjährigen wie zu den 72-Jährigen. Einmal die Radiowellen für ältere Hörer einschalten genügt, um zu verstehen, warum da die Beatles und selbst Kraftwerk laufen. Die Musik ist einfach um so vieles besser als die von: Bitte nach Bedarf selbst einsetzen.

Pop ist eine ästhetische Lebenswirklichkeit, die uns heute vollends umgibt. Wir leben im Pop. Oder in und mit Dingen, die sich wie Pop gerieren. Die Schlacht ist geschlagen, der Krieg ist vorbei. Die Kavallerie darf einrücken. Keiner muss vorauspreschen. Jeder darf die Eagles hören. Außer wenn ich im Raum bin. Sonst fliegt eine Vase.

© SZ vom 29.10.2011/gr

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