Zum Tode von Tom Wolfe Vom Himmel gefallen

Literat im Dandy-Kostüm: Tom Wolfe.

(Foto: AP)

Er war der Meister des radical chic, ein Fabelwesen, das Geschichte in Echtzeit schrieb. Sein Genie ist nur noch mit dem von Bob Dylan und Hemingway zu vergleichen. Zum Tode von Tom Wolfe.

Nachruf von Willi Winkler

Als Robert Redford noch jung und schön war und in der bittersüßen Verfilmung des "Großen Gatsby" melancholisch auf die längst verlorene Daisy wartete, trug er vor lauter Kummer einen unförmigen Anzug in Gangster-Weiß. In einer Szene schleppte sich dieser Anzug gleich mehrere Zentimeter hinter seinem Träger her und ruinierte damit Tom Wolfe vorübergehend dessen Image als vom Himmel oder woher auch immer gefallener Tragelaph. Schließlich war er in der Welt der Schrift und also der reinen Kunst einmalig, ein Wundertier, ein Fabelwesen - wer konnte es wagen, ihn zu kopieren? Wie die wehrhafte Athene war er vollkommen entwickelt in schimmernder Rüstung auf diese Erde gekommen, ein Fremder in einer fremden Welt und zugleich ihr genauester Beobachter. Und dann dieser ----wiehießdergleichwieder???? ----Redford!!!

Nach eigener Einschätzung hatte Tom Wolfe kurz zuvor den New Journalism erfunden. Das stimmt zwar nicht, aber mit Joan Didion, Hunter S. Thompson, Gay Talese und seinem Feind Norman Mailer brachte er die erzählende Reportage und vor allem das dringende Präsens als allein gültige Darreichungsform in die Magazine. Gut ranke'sch oder thomasmännisch hätte sich beispielsweise für die Geschichte der ersten amerikanischen Raumpiloten das raunende und sine-ira-et-studio-Präteritum angeboten, Wolfe bestand jedoch auf absoluter Zeitgenossenschaft, die es nur in der Gegenwart, im scheinbar physischen Unmittelbardabeisein geben konnte.

Literatur US-Schriftsteller Tom Wolfe ist tot
Literatur

US-Schriftsteller Tom Wolfe ist tot

Er galt als Mitschöpfer des New Journalism, sein Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" wurde weltberühmt. Nun ist der US-Journalist und Autor in Manhattan gestorben.

Natürlich war er nicht dabei gewesen, als der Produzent Phil Spector im startenden Flugzeug saß, von einer vermutlich nicht ganz drogenfreien Paranoia befallen wurde und ein solches Geschrei veranstaltete, dass der Pilot auf der Startbahn anhielt und den Mann aussteigen ließ, der sich sicher war, dass genau dieses Flugzeug abstürzen würde. Aber so erschuf Tom Wolfe den "ersten Teenager-Millionär", eben jenen Phil Spector, der die unsterbliche Mini-Symphonie "Be My Baby" erfand und für Tina Turner das himmel- und grundstürzende "River Deep, Mountain High".

Die Gangster um Meyer Lansky hatten 15 Jahre gebraucht, um Las Vegas zu erbauen, Tom Wolfe erschuf es in vier Wochen neu in einer Reportage, indem er die Flitterglitterstadt der Spieler und Discount-Nutten zum "amerikanischen Versailles des 20. Jahrhunderts" stilisierte. Natürlich war er auch nicht dabei, als Leonard Bernstein eine Party für die Black Panthers gab und unter seinen New Yorker Gästen Geld für die gewaltbereiten Terroristen sammeln ließ, aber er brachte diese Art des luxurierenden Trittbrettfahrens auf den einzig treffenden Begriff: radical chic.

Wolfes Thema waren die Männer, die in aufgemotzten Autos im Kreis fuhren, Teenager-Stars, Discjockeys, Surfer und Rocker, und er wurde damit zum Historiker der Sechzigerjahre, der Geschichte bereits in dem Moment schrieb, da sie passierte. Bemüht, dass ihn auch nicht ein Stäubchen der Gegenkultur den maßgeschneiderten weißen Anzug beflecke, hockte er sich zu Ken Kesey und den Merry Pranksters in deren Magic Bus und fuhr mit ihnen, von Peyote, Marihuana und der Aura des eben entwickelten LSD süß umfächelt, durch die ahnungslosen Lande. Nichts konnte ihm etwas anhaben, die Hippies nicht und auch nicht die Hell's Angels. Eine blonde Tussi wollte ihn ein bisschen aufhübschen, doch Tom bestand auf seinem Wolfe: "Ich für meinen Teil behielt meine Krawatte an, um zu zeigen, dass ich auch meinen Stolz hatte." Das wurde der "Electric Kool-Aid Acid Test" (auf Deutsch passend: "Unter Strom", 1968) und sein bestes Buch.

Das war, das ist Amerika, wie es keiner mehr kennt, und eine onomatopoetische Sprache, die einem heute kein Redakteur mehr durchgehen ließe: "There Goes (Varoom! Varoom!) That Kandy-Kolored (Thphhhhhh!) Tangerine-Flake Streamline Baby (Rahghhh!) Around the Bend (Brummmmmmmmmmmmmmmmmm)...."