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Zum Tod von Stefan Moses:Es gibt nichts Interessanteres als Menschen

Stefan Moses Ausstellung

Stefan Moses im Jahr 2002.

(Foto: Catherina Hess)

In mehr als sechs Jahrzehnten schuf Stefan Moses einen einzigartigen Bilderkosmos der Nachkriegsdeutschen. Nun ist der große Fotograf gestorben.

Nachruf von Harald Eggebrecht

Manchmal sah man Stefan Moses in Schwabings Straßen rund um den Elisabethplatz Rad fahren, nicht rasch, aber immer ein wenig wie fliegend, mit freundlich-neugierigem Gesicht. Seit 1950 lebte er in München. Er liebte das Theater, die Schauspieler und Regisseure, Künstler und Dichter dieser Stadt. Besonders aber hatten es ihm Katzen angetan. Wer Katzen mag, kann kein ganz schlechter Mensch sein, sagte er. Wenn er dann auf der Loggia des alten Schwabinger Zweifamilienhauses stand, in dem er mit seiner Frau Else Bechteler-Moses lebte, den Garten nach seiner Katze absuchte und dabei mit lichter, angeregter Stimme das Verhalten der Katze erklärte, spürte man den Wärmestrom, mit dem er das Tier umgab.

Stefan Moses hatte immer etwas Umarmend-Großzügiges an sich, weshalb die Menschen auf seinen Fotografien - nicht auf seinen Fotos, er legte großen Wert auf das ganze Wort - nie gelangweilt oder abweisend, sondern erwartungsvoll, bereitwillig oder sogar gespannt sind, was der Meister gleich mit ihnen anstellen wird. Ob er sie nun vor einen dreiteiligen Toilettenspiegel setzte wie die Mitglieder der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, so dass sie gleichsam mit sich selbst ins Gespräch kommen - "jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft"; oder ob er ihnen vorm großen Schneiderspiegel den Selbstauslöser in die Hand drückte wie Theodor W. Adorno und Ernst Jünger, Carl Orff und Erich Kästner und anderen, auf dass sie sich selbst fotografierten. Der "Mann Moses", wie ihn der Historiker und Museumsmacher Christoph Stölzl genannt hat, beobachtete die zum Selbstbild Verführten bei der Konzentration - mit Kamera natürlich.

Stefan Moses reiste nur wenig: "Deutschland ist genauso exotisch wie Afghanistan oder Paraguay."

Oder ob er gleichsam ein ganzes Volk in seinen Menschen auf das graue Filztuch stellte oder setzte, so dass sie ganz individuell, wie aus dem großen Ganzen der Realität herausgeschnitten, als unverwechselbare Persönlichkeiten oder Gruppen erscheinen: Schaffnerinnen etwa, einen Zeitungsverkäufer, Heringspackerinnen, Grubenarbeiter aus den Sechzigerjahren - die "Deutschen hier", so Moses.

Gleich nach der Wende 1989/90 stellte Moses dann die "Deutschen dort" aufs graue Tuch, um noch etwas von ihnen und ihrem Lebensgefühl zu erhaschen, bevor es verschwand in der vermeintlichen Wiedervereinigung. In der Ausstellung "Abschied und Anfang" haben dann in ganz Deutschland weit über Hunderttausend die Gesichter und Gestalten angesehen, die ihnen Moses fotografisch bewahrt hat. So sah er es selbst: "Jeder hat seine Aufgabe. Meine ist, Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen."

Stefan Moses war einst der jüngste Theaterfotograf in Deutschland, damals am Nationaltheater Weimar in der DDR. Er wurde am 29. August 1928 in Liegnitz, Schlesien, geboren, aber er sei noch einmal geboren worden, als er 1936 die Kamera seines Vaters, eines Rechtsanwalts und Justiziars, entdeckte. Nach der "Reichspogromnacht" 1938 zogen Mutter und Sohn nach Breslau um. Doch wegen der NS-Ideologie der Nürnberger Rassegesetze galt Moses als "Halbjude". Er konnte die Lehre bei der bedeutenden Kinderfotografin Grete Bodlée nicht fortsetzen, denn er wurde ins Zwangsarbeitslager Ostlinde verbracht, dem er 1945 entfliehen konnte. In Erfurt traf er Grete Bodlée wieder, beendete die Lehre und arbeitete dann in Weimar als Bühnenfotograf. 1949 erwischte er dort einen ganz Großen: Thomas Mann, der nach Weimar kam zur Verleihung des ostdeutschen Goethe-Nationalpreises.

Kurz nach Gründung der DDR übersiedelte Moses nach München und begann mit Bildreportagen für die Neue Zeitung, Revue, das Schönste, Magnum und von 1960 an für den Stern. Während die Kollegen Thomas Höpker, Robert Lebeck oder Max Scheler die Welt bereisten, fand er: "Deutschland ist genauso exotisch wie Afghanistan oder Paraguay, überall unerforschte Gebiete!"

Moses - der selten mit Farbe gearbeitet hat, erst 2017 erschien ein Farbbildband zu Peggy Guggenheim -, stellte sich auch gegen Henri Cartier Bressons Credo vom entscheidenden Augenblick, dem "moment décisif". Er sah stattdessen den "moment fugitif", den Prozess vieler solcher Momente, wie seine "Sequenzen" zeigen: Joseph Beuys installiert eine Fettecke; der Schauspieler Heinz Bennent mit Sohn David beim rätselvollen Spiel mit einem Hut im Park; das Fingertheater der sich unterhaltenden Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Moses wurde zum in Bildfolgen erzählenden Autor. Das Buch über seinen Sohn Manuel von 1967 setzte als Bildergeschichte Maßstäbe. Man hat ihn einen Konzeptualisten genannt, weil er Motive in zwingenden Ideen gefasst hat: etwa Künstler in Masken, die sie binnen fünf Minuten herstellen mussten; der Wald als deutscher Symbolort, "der Mensch und sein Tier" und anderes mehr.

Ein besonderes Augenmerk galt den Emigranten, denen Moses so liebevoll wie scharfsichtig ein Denkmal setzte, als er sie fotografisch in den Gesamtkontext der "Deutschen" gewissermaßen zurückholte.

Die Fülle seines Werkes ist gewaltig, seine Vielfalt überraschend, seine Vielschichtigkeit und sein Tiefsinn unergründlich. Will jemand in späterer Zeit etwas über die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren, so wird es jener Bilderkosmos des Stefan Moses sein, der deutsche Gesichter und Gestalten, ihre Haltungen und Gesten, ihre Scheu vor was auch immer und ihren Stolz worauf auch immer so "gerettet" hat, dass die Nachgeborenen sich wahrlich unverwechselbare Bilder von ihnen machen können.

In den Morgenstunden des 3. Februar ist Stefan Moses zu Hause in München Schwabing gestorben. Seine Ausstellung "Blumenkinder" ist noch bis 25. Februar im Literaturhaus München zu sehen.

© SZ vom 06.02.2018/cag

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