Zum Tod von Günter Grass:Die Verwandlung des Günter Grass

Es war aber in diesen Jahren zugleich etwas geschehen, was die Deutschen erst langsam begriffen: die Verwandlung des Erzählers Günter Grass in eine Figur der Weltliteratur. Der Literaturnobelpreis des Jahres 1999 ratifizierte diese Verwandlung, die sich vom internationalen Ruhm des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll deutlich unterschied.

Böll wurde als Nachkriegsstimme der deutschen Literatur ausgezeichnet, Grass als deutsche Stimme der Weltliteratur. Denn aus der internationalen Perspektive rückte sein Werk aus der deutschen Tradition zwischen Barock und Expressionismus heraus, es traten an ihm Nachbarschaften hervor, die es erst gewann, als es in Übersetzungen durch die Welt ging.

Grass' Werk wird weiterleben

Der Falter, der in der "Blechtrommel" in der Geburtsnacht des zwergwüchsigen Helden Oskar Matzerath an die brennende Glühbirne trommelt, wurde ein Verwandter der Schmetterlinge aller Kontinente. Salman Rushdie, dessen Roman "Mitternachtskinder" von der Geburtsstunde des unabhängigen Indien erzählt, ist Grass-Leser, wie Orhan Pamuk, der den Roman zum Spiegel der Entstehung der modernen Türkei machte.

Während Grass in Deutschland mehr und mehr als politische Stimme, als Mahner und Kritiker der Berliner Republik wahrgenommen wurde, rückte er in der Wertschätzung der internationalen Autoren an die Seite seines Generationsgenossen Gabriel García Márquez, auch er Jahrgang 1927, ein halbes Jahr vor Grass geboren und vor fast genau einem Jahr gestorben.

Von der Danziger Herz-Jesu-Kirche, in der Oskar Matzerath dem Gips-Jesus eine Trommel umhängt, führen auf dem Atlas der Weltliteratur längst Verbindungslinien zum verregneten Macondo in García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit". Und auch jüngere Autoren wie der Österreicher Daniel Kehlmann lesen Günter Grass als Beitrag der Deutschen zum internationalen "magischen Realismus". Der Erzähler Günter Grass ist tot. Sein Werk, auch wenn nicht alles überleben wird, nicht.

© SZ vom 14.04.2015/fued
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