Zum Tod von Günter Grass:Der Weltliterat

Günter Grass

Heinrich Böll wurde als Nachkriegsstimme der deutschen Literatur mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, Günter Grass als deutsche Stimme der Weltliteratur.

(Foto: picture alliance / dpa)

Als furioser Erzähler betrat Günter Grass einst die öffentliche Bühne. Dann passierte etwas, was seine Landsleute erst langsam begriffen: Er wurde zur Stimme Deutschlands in der Weltliteratur.

Kommentar von Lothar Müller

Die Zeitgeschichte war noch nicht die kulturelle Großmacht, die sie heute auf dem Buchmarkt und im Fernsehen ist, als Günter Grass mit einem Paukenschlag die Bühne der Literatur betrat. Dafür war die Literatur noch eine kulturelle Großmacht, als Grass 1958 vor der "Gruppe 47" aus der noch unveröffentlichten "Blechtrommel" las und den Aufschwung der Schriftstellervereinigung, ihr Bündnis mit Rundfunk und Presse beförderte.

Zum bedeutenden Autor, zu einer Figur der Zeitgeschichte und weltweit gehörten Stimme Deutschlands wurde Günter Grass, weil die Literatur - bei Heinrich Böll, bei Siegfried Lenz, bei Uwe Johnson - das Schlüsselmedium war, in dem die Deutschen nach 1945 sich ihrer jüngsten Vergangenheit in Nationalsozialismus und Krieg und der daraus hervorgegangenen Gegenwart vergewisserten.

Er holte den derben Überschwang in die Gegenwart

Der furiose Erzähler Grass ging dem Wahlkämpfer für die SPD voraus, der Verfasser der "Danziger Trilogie" dem Anwalt der neuen Ostpolitik, der zugleich hinter den Kulissen für seine Kollegen in der DDR mit einer Hartnäckigkeit eintrat, die erst nach 1989/90 durch die Auswertung seiner Stasi-Akte vollends sichtbar wurde. Dieser furiose Erzähler, in dessen Werk die Trommel eines Zwergs und das Bellen von Hitlers Schäferhund ineinanderklangen, Juden gejagt wurden und Opportunisten den Tod fanden, wurzelte tief in der deutschen Literatur.

Er war über seinen Lehrer Alfred Döblin mit dem deutschen Expressionismus im Bunde, hatte beim Erfinden seiner Schelmenfiguren und beim Erzählen vom Krieg die barocke Literatur des 17. Jahrhunderts vor Augen und im Ohr, den "Simplicius Simplicissimus" Grimmelshausens, die Totenklagen von Andreas Gryphius, die Kirchenlieder von Paul Gerhardt.

Er holte den derben Überschwang, die Freizügigkeit im vollen Wortsinn in die Gegenwart der noch jungen Bundesrepublik. Er durchtränkte, was er der Aufbruchzeit der deutschen Literatursprache entnahm, mit dem Geist der literarischen Moderne. Zeitlebens blieb er als Erzähler wie als Lyriker dem Wörterbuch und dem Märchenschatz der Brüder Grimm treu.

Noch in dem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) lag über den Passagen, in denen er spät von seinem Dienst als 17-Jähriger in der SS-Panzerdivision "Frundsberg" erzählte, etwas vom Hänschen klein, das sich im Wald verliert. Die Aufregung über dieses späte Bekenntnis war auch deshalb so groß, weil es sich so leicht gegen die Promptheit ausspielen ließ, mit der sich der politische Akteur Günter Grass jahrzehntelang - von der Adenauerzeit bis in die Wendezeit und darüber hinaus - mit scharfen zeithistorischen Urteilen zu Wort gemeldet hatte.

Die Verwandlung des Günter Grass

Es war aber in diesen Jahren zugleich etwas geschehen, was die Deutschen erst langsam begriffen: die Verwandlung des Erzählers Günter Grass in eine Figur der Weltliteratur. Der Literaturnobelpreis des Jahres 1999 ratifizierte diese Verwandlung, die sich vom internationalen Ruhm des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll deutlich unterschied.

Böll wurde als Nachkriegsstimme der deutschen Literatur ausgezeichnet, Grass als deutsche Stimme der Weltliteratur. Denn aus der internationalen Perspektive rückte sein Werk aus der deutschen Tradition zwischen Barock und Expressionismus heraus, es traten an ihm Nachbarschaften hervor, die es erst gewann, als es in Übersetzungen durch die Welt ging.

Grass' Werk wird weiterleben

Der Falter, der in der "Blechtrommel" in der Geburtsnacht des zwergwüchsigen Helden Oskar Matzerath an die brennende Glühbirne trommelt, wurde ein Verwandter der Schmetterlinge aller Kontinente. Salman Rushdie, dessen Roman "Mitternachtskinder" von der Geburtsstunde des unabhängigen Indien erzählt, ist Grass-Leser, wie Orhan Pamuk, der den Roman zum Spiegel der Entstehung der modernen Türkei machte.

Während Grass in Deutschland mehr und mehr als politische Stimme, als Mahner und Kritiker der Berliner Republik wahrgenommen wurde, rückte er in der Wertschätzung der internationalen Autoren an die Seite seines Generationsgenossen Gabriel García Márquez, auch er Jahrgang 1927, ein halbes Jahr vor Grass geboren und vor fast genau einem Jahr gestorben.

Von der Danziger Herz-Jesu-Kirche, in der Oskar Matzerath dem Gips-Jesus eine Trommel umhängt, führen auf dem Atlas der Weltliteratur längst Verbindungslinien zum verregneten Macondo in García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit". Und auch jüngere Autoren wie der Österreicher Daniel Kehlmann lesen Günter Grass als Beitrag der Deutschen zum internationalen "magischen Realismus". Der Erzähler Günter Grass ist tot. Sein Werk, auch wenn nicht alles überleben wird, nicht.

© SZ vom 14.04.2015/fued
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