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Zum Tod von Dirigent Colin Davis:Auf die feine englische Art

(FILE PHOTO) Sir Colin Davis Dies Aged 85

Sir Colin Davis stand bis 2007 an der Spitze des London Symphony Orchestra. Das Bild zeigt ihn im Jahr 1960.

(Foto: Getty Images)

Seine Karriere kam erst schleppend ins Rollen, doch am Ende wurde er von der Musikwelt geliebt. Sir Colin Davis unterschied sich von Dirigenten älterer Generationen vor allem durch seinen feinsinnigen Humor und die Nähe zum Orchester. Am Sonntag ist Davis nach längerer Krankheit verstorben.

Von Wolfgang Schreiber

Ein Gentleman, vom Scheitel bis zur Sohle - das war Sir Colin Davis im persönlichen Umgang mit Musikern, vor allem auch dann, wenn er musizierend am Pult stand. Weder Despot noch Selbstdarsteller, keiner, der ein Charisma zelebrieren musste - aber doch ein äußerst sensibler, auch verletzbarer, weil grundehrlicher Künstler. Auf die Frage, was das Wesen des Dirigenten ausmache, meinte er einmal im Interview: sein Temperament. Denn "sein Herz muss total und unbedingt für die Musik schlagen". Nur dann könne er "mit seinem Körper alles ausdrücken, was er will".

Mag sein, dass diese Haltung künstlerischer Aufrichtigkeit und menschlicher Noblesse in München den Ausschlag dafür gab, dass Colin Davis im Jahr 1983 an die Spitze des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks berufen wurde. Als Nachfolger Rafael Kubeliks, der ja ebenfalls ein Musiker von emphatischer Großherzigkeit gewesen war.

Damals mochte es manchen überraschen, dass Colin Davis zum Auftakt des Münchner Engagements nicht eine Symphonie von Bruckner, Mahler, Sibelius oder ein Stück des von ihm verehrten Hector Berlioz darbieten wollte, sondern unbedingt Beethovens visionäres Chorwerk, das der Komponist mit dem Motto versehen hatte: "Von Herzen - möge es wieder zu Herzen gehen". Und mit ebendieser Missa solemnis beendete Colin Davis auch 1992 seine Münchner Jahre.

Mozart - die späte Symphonie in Es-Dur KV 543 - hatte beim Orchester den Ausschlag gegeben für die Wahl Colin Davis' zum Chefdirigenten, daran erinnert sich der Konzertmeister des BR-Symphonieorchesters Florian Sonnleitner noch sehr genau. Auch daran, dass Davis Beethovens flehentliche Botschaft der Missa auch als politisches Statement gewählt hatte: Die Menschen standen damals unter dem Eindruck der "Nachrüstungsdebatte" über die Pershing-Raketen, der Kriegsgefahr.

Kaum Pultlöwentum

Colin Davis war ein Musiker, der sich von den Dirigenten älterer Generationen deutlich unterschied, auch von berühmten Landsleuten wie Beecham, Barbirolli oder Boult. Er war einer, der "auf seine zurückhaltende englische Art sehr nahe am Orchester dran" war, wie sich Sonnleitner erinnert. Davis besaß keinen Ego-Glamour wie sein Nachfolger Lorin Maazel; auch nicht den unmittelbaren Musizierimpuls wie dessen Nachfolger Mariss Jansons - dafür konnte er leutselig sein, auch feinsinnig-humorvoll bei den hartnäckigsten Proben.

Und Davis besaß eine profunde literarische Bildung, er sprach sehr gut Deutsch. "Manchmal hätten wir uns bei ihm mehr Pultlöwentum gewünscht", gibt der Konzertmeister zu, aber die klanglich austarierten, emotional einfühlsamen bis hintergründigen Darstellungen der klassisch-romantischen Partituren von Mozart, Beethoven oder Brahms nahmen die Musiker für ihn ein. Und das Publikum liebte ihn dafür.

Die Dirigentenkarriere von Colin Davis, der am 25. September 1927 in der südöstlichen Provinz Englands geboren wurde, kam nur langsam in Gang, war nicht sonderlich bewegt oder reich an Orchesterstationen. Er hatte mit einem Klarinettenstudium begonnen, reüssierte am Pult, wie viele Dirigenten, zunächst durchs "Einspringen" - so für Otto Klemperer beim "Don Giovanni", für Thomas Beecham bei der "Zauberflöte". 1967 wurde er Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra. Vier Jahre später machte ihn das Londoner Royal Opera House zum langjährigen Musikdirektor, als Nachfolger Georg Soltis. Nach den neun Jahren beim Bayerischen Rundfunk stand er, bis 2007, an der Spitze des London Symphony Orchestra. Alle großen Orchester der Welt luden ihn gern ein.

Bei den Bayreuther Festspielen dirigierte Davis 1977/78 den "Tannhäuser" in Götz Friedrichs umstürzlerischer Inszenierung. Doch München und Dresden waren seine Musikmetropolen in Deutschland. Sofort nach der deutschen Wende, November 1989, fuhren die Münchner BR-Symphoniker mit Davis nach Dresden, mit Beethovens Neunter als Geschenk. Er hatte viel übrig für solche "national-moralischen" Momente. Und er trat gern für Komponisten ein, gerade in München, die dem Publikum weniger geläufig waren.

Colin Davis war derjenige, der, zuerst in London, die genial wilde Musik des Franzosen Hector Berlioz auf seine Fahnen geschrieben hatte. Und für Berlioz' Gesamtwerk, die Symphonien von Jean Sibelius, Werke der großen Briten Edward Elgar, Michael Tippett oder Ralph Vaughan Williams wurde Sir Colin der Vorkämpfer - Plattenaufnahmen dokumentieren es. In seinen Konzerten gab es immer etwas zu lernen - durch seinen empfindsamen, offenen, weltmännischen Umgang mit der symphonischen Musik. Am Sonntag ist Sir Colin Davis nach längerer Krankheit gestorben.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks widmet seine Münchner Konzerte am Donnerstag und Freitag Sir Colin Davis.

© SZ vom 16.04.2013/kath

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