bedeckt München

Netzkolumne:Dreh den Hund auf

Coronavirus - Schweiz

Wie lange noch? Nach einem Jahr Corona sind viele die virtuellen Konferenzen leid.

(Foto: Anthony Anex/picture alliance/dpa/KEYSTONE)

Wie beendet man eine Zoom-Konferenz? Indem man die Hintergrundgeräusche hochfährt. Es gibt jetzt sogar Programme, die das übernehmen.

Von Michael Moorstedt

Das Leben mit Corona sorgt ja dafür, dass sich gesellschaftliche Wahrnehmungen im Zeitraffer vollziehen. Im Frühjahr 2020 war man sich schnell einig, dass Videokonferenzen über die schlimmsten Auswirkungen des Social Distancing hinweghelfen. Nach einem knappen Jahr Leben mit der Pandemie sind die Netzhäute ebenso ermüdet wie die Nervenkostüme.

In der vergangenen Woche wurde eine Software namens Zoom Escaper veröffentlicht, die Abhilfe verspricht. Indem sie nämlich die eigene Videoübertragung mit so viel unerträglichen Störgeräuschen versieht, dass man von den Kollegen irgendwann gebeten wird, sich doch bitte abzuschalten. "Ich hoffe, dass Zoom Escaper dazu führt, dass die Menschen ihren Konferenzen entfliehen und weniger arbeiten", sagt Sam Lavigne, der Entwickler des kleinen Programms über seine Motivation.

Okay, klingt naheliegend. Aber auch hier wartet natürlich ein bisschen Metaebene darauf, dekonstruiert zu werden. Immerhin ist die Vorspiegelung von Betriebsamkeit ja ein Fundament des modernen Angestellten-Daseins. Die rein physische Anwesenheit bei leerem Blick gehört zu einer Schlüsselqualifikation. Man kann sie allerdings an der Schreibtischinsel oder gar im Einzelbüro wesentlich besser vollziehen als in einem Videocall, wo stets die Gefahr von unerwarteten Nachfragen lauert.

Man kann sich auch selbst mit Spam bombardieren

Wem die bloße Selbstsabotage durch Töne noch nicht weit genug geht, kann auch noch eskalieren: Zoom Deleter, ebenfalls ein Programm aus Lavignes Werkstatt, geht einen Schritt weiter und sucht den eigenen Computer kontinuierlich auf die Präsenz der Videosoftware ab. Sollte der Benutzer tatsächlich schwach werden und Zoom installieren, wird es sofort wieder gelöscht.

Klickt man sich durch Lavignes Œuvre, wird schnell ein Muster erkennbar. Da gibt es etwa noch ein Tool, das die eigene Mailbox mit Spam bombardiert. Mit einem weiteren Tool kann man absichtlich den eigenen Computer verlangsamen und ihn heiß laufen lassen. Freilich handelt es sich hier eher um künstlerische Positionen als um praktisch anwendbare Werkzeuge im Arbeitsalltag. Es geht um die Frage, wie man es schafft, die unbewusste Selbstsabotage in einen digitalen Kontext zu übersetzen - vor allem wenn die eingesetzten Produktionsmittel private Geräte wie Smartphones oder PCs sind, durch die auch das persönliche Leben stattfindet. Noch dazu, wenn immer mehr Unternehmen dazu übergehen, Überwachungstools auf den Rechnern ihrer Mitarbeiter zu installieren. Mit bloßem Ein- und Auschecken in eine Zeiterfassungssoftware ist es ja oft schon nicht mehr getan. Stattdessen gibt es Programme, die mittels Keylogger die Tastatureingaben überwachen oder aus Dutzenden von Datenpunkten einen Produktivitätsscore berechnen, der dann dem Vorgesetzten zukommt.

Bei so viel Übergriffigkeit wird der aktive Widerstand mittels des Zoom Escaper schon nachvollziehbar. Dabei sind manche Störgeräusche, die die Software zur Auswahl bietet, naheliegender als andere. Ein schreiendes Baby etwa. Klar, das hat man im Laufe des letzten Jahres oft genug als nur allzu echte Version im Hintergrund der Kollegen gehört. Zur Auswahl stehen außerdem Hundegebell oder Baustellenlärm.

Vielversprechender erscheinen da schon die Effekte, die die eigene Stimme nur noch abgehackt, verzerrt oder mit einem Echo versehen übermitteln. Das ist gleichermaßen subtil und glaubwürdig. Wer kennt diese Situationen nicht, in denen die Geräte nicht so wollen, wie man selbst? Der Angestellte ist ja ohnehin nur ein weiterer Knotenpunkt im Gesamtsystem. Wenn immer mehr Kommunikations- und Lebensaspekte an sich durch Glasfasern und Funkwellen mediiert werden, ist es also nur naheliegend, auch der Technik die Schuld in die Schuhe schieben zu dürfen.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Creative Highlights Symbolfotos Woman with head in hands working while sitting by desk at home model released Symbolfoto

SZ PlusWirtschaft und Arbeit
:Nie wieder ins Büro

Wird das Großraumbüro die Pandemie überleben? Lösen uns Roboter ab? Wirtschaftshistoriker Carl Benedikt Frey über die Zukunft der Arbeitswelt.

Interview von Andrian Kreye

Lesen Sie mehr zum Thema