Zehnte Station in Rosso Mgabam, Senegal Die Stadt der Tiere

Er fragte sich, ob Esel auch im Stehen schliefen.

Man träumt immer rückwärts. Oft sogar so weit nach hinten, in die hinterste Vergangenheit, dass man nicht mehr weiß, um wen oder was es ging. Eine fiktive Geschichte, die auf ganz realen Beobachtungen beruht.

Von Michael Glawogger

Er dachte, dass man nicht vorwärtsträumen konnte. Er hatte noch nie erlebt und auch noch nirgends gelesen, dass man vorwärtsträumt. Man träumt immer rückwärts. Oft sogar so weit nach hinten, in die hinterste Vergangenheit, dass man schon gar nicht mehr weiß, um wen oder was es da ging.

Eigentlich hätte er die Anzeichen erkennen müssen. Er stand an Deck der Fähre zwischen Mauretanien und dem Senegal und schlief im Stehen ein. Er hätte daran denken müssen, dass Menschen im Stehen nicht einschlafen, aber er konnte nicht denken, denn er schlief ja. Nur Pferde schlafen im Stehen, glaubte er noch, gedacht zu haben, und dann schlummerte er in der Mittagssonne friedlich vor sich hin. Er träumte und hatte eine Ahnung, dass sein Traum von Eseln handelte, aber sicher war er sich dessen nicht.

Was er wusste, war, dass er, als er auf der anderen Seite des Flusses wieder erwachte, sich fragte, ob Esel auch im Stehen schliefen. Er hatte sowohl liegende Esel als auch stehende Esel mit geschlossenen Augen gesehen - in ganz Marokko und Mauretanien. Das waren die Länder, die ganz und gar den Eseln gehörten. In Mauretanien könnte man sich vorstellen, dass zwischen Eseln und Kamelen ein Bürgerkrieg ausbräche. Aber von so einem Krieg der Tiere hatte er noch ebenso wenig gehört wie von Menschen, die im Stehen schliefen.

Tee, Telefonkarten, kernlose Mandarinen

Der Schlaf konnte nicht länger als ein paar Sekunden gedauert haben, denn sonst wäre er wohl in den Senegal gefallen. Wobei das eine schöne Vorstellung war. Das Wasser dieses Flusses war sauber und von einem einladenden Grün, und es glitzerte ein wenig in winterlicher Klarheit. Der Winter in Afrika ist ja ein heiterer, kühler und dabei sommerlicher Winter. Die Pferde in seiner Heimat würden solch einen Sommer genießen, wie in Afrika der Winter war. Die Esel sicher auch. Warum habe ich das jetzt gedacht, dachte er, und schüttelte den Gedanken schnell wieder ab.

Am anderen Ufer warteten Verkäufer von Waren aller Art. Der Senegal begrüßte ihn mit Tee, Telefonkarten und kernlosen Mandarinen. Er wollte alles drei. Glücklich trank er seinen stark gezuckerten Tee, speicherte eine neue Nummer, die nun mit +221 statt +222 begann, in sein Handy und dachte, dass seine Seele in den nächsten Wochen Orange und nicht mehr Mauritel gehören würde, während er eine Mandarine nach der anderen schälte und sie schnell und im Ganzen aß. Plötzlich fiel ihm ein, dass er Mandarinen nicht mochte, und schon gar nicht im Ganzen. In Wirklichkeit grauste ihm vor Mandarinen. Das dicke Weiße zwischen den Spalten fand er eklig und musste spucken, wenn er draufbiss. Aber jetzt aß er sie, als gäbe es kein Morgen. Wahrscheinlich, weil er so gut geschlafen hatte auf der Fähre. Im Stehen.