Kunst:Ein Dandy sieht bunt

Yinka Shonibare CBE (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die kolonialen Verhältnisse ins Schwanken bringen: "End of Empire" (2016) kann man durchaus als Scharade der Kopflosen interpretieren.

(Foto: Stephen White & Co/Yinka Shonibare CBE, Courtesy der Künstler und Wolverhampton Art Gallery and Bristol Museums & Art Gallery, VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Der britisch-nigerianische Künstler Yinka Shonibare macht aus bedruckten Baumwollstoffen hochpolitische Kunst.

Von Catrin Lorch

Yinka Shonibares Kunst ist unübersehbar, weil sie bunt ist, hochpolitisch, auftrumpfend - und so wiedererkennbar, als habe er seine Werke mit einem Logo überzogen. Seit einigen Jahrzehnten schon arbeitet der in London geborene Künstler nigerianischer Herkunft mit Wachsprint-Stoffen. Aus den so authentisch afrikanisch wirkenden bunten Mustern schneidert er Kniebundhosen und rüschige Damenröcke, überzieht damit Bücher und Skulpturen - und so erwartet man von einer Ausstellung im Museum der Moderne Salzburg auf dem Mönchsberg vielleicht nicht viel mehr an Entwicklung, als dass der Kunststar seiner Signatur den stolzen Titel "Commander of the Most Excellent Order of the British Empire" anhängen darf.

Die Ausstellung, die im Untertitel "End of Empire" heißt, ist dann jedoch ein unerwartet erhellendes Erlebnis. Nicht etwa weil die Bedeutung dieses Künstlers im Kontext der Kunst neu auszutarieren wäre, wo er seit Langem Vorbild ist für die aktuell hoch gehandelte Generation mit Migrationshintergrund. Nein. Es ist eher so, als sei Yinka Shonibare jetzt auch in den Alltag eingezogen, als offenbare sich ein lange übersehener Einfluss auf Mode, Film und, das auch, Fernsehserien.

Yinka Shonibare CBE (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Der Künstler Yinka Shonibare CBE trägt den Titel eines Commander of the Most Excellent Order of the British Empire. Durchaus mit Stolz.

(Foto: Marcus Leith RA/Yinka Shonibare CBE, 2014)

Dass ein "postkolonialer Hybrid", wie er sich selbst nennt, den Stil der Gegenwart prägt, sollte eigentlich nicht überraschen. Der im Jahr 1962 geborene Yinka Shonibare ist in Nigeria als Sohn eines anglophilen, sehr konservativen Juristen aufgewachsen. Man las in der Familie Shonibare das Time Magazine und National Geographic und empfand sich ganz selbstverständlich dem Commonwealth zugehörig - ohne sich im Geringsten diskriminiert zu fühlen. "Ich wusste nicht einmal, was ,schwarz' war", gibt der Künstler zu Protokoll. "In Nigeria gab es solche ethnischen Unterscheidungen nicht."

Die Waxprint-Stoffe, die ihn berühmt machten, entdeckte Shonibare auf dem Brixton-Straßenmarkt in London

Als Yinka Shonibare sich in den Achtzigerjahren dann in London an der Kunstakademie einschrieb, war er überrascht, dass seine Professoren verlangten, er solle sich mit seiner "afrikanischen Herkunft" beschäftigen statt mit den Poststrukturalisten - der Student arbeitete sich durch Roland Barthes und Jacques Derrida. Schon weil es nur wenige schwarze Vorbilder wie den US-Künstler David Hammons gab, orientierte sich der Student an Feministinnen wie Barbara Kruger, Nancy Spero und Judy Chicago. Es war dann auch nicht das ethnografische Museum of Mankind, in dem er Antwort auf die Frage fand, "wie man nicht-westliche zeitgenössische Kunst macht". Sondern der Straßenmarkt von Brixton, an dessen Ständen er diese Stoffe entdeckte, Waxprints, die vielleicht authentisch afrikanisch wirken, vorwiegend aber in den Niederlanden, in Indonesien oder in China für den Export hergestellt werden. Shonibare präsentierte die Muster anfangs in Schaukästen wie aufgespießte Insekten.

Bald schon drehte er die Perspektive um: Fast eigenständig schienen die Stoffe sich der kolonial geprägten Geschichte Großbritanniens zu bemächtigen. Shonibares Skulpturen wirkten nur auf den ersten Blick wie Mannequins, deren viktorianische Roben und Fräcke sich afrikanisch verfärbt hatten. Auf den zweiten Blick bemerkt man, dass sie allesamt wie geköpft dastehen - was den Maskenball ins Massaker verwandelt. Shonibare, dessen Generation der Young British Artists auch in der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit erfuhr, kleidete nicht nur die Buchrücken ganzer Bibliotheken aus, sondern auch historische Figuren. Ob sterbender Marat oder antiker Diskuswerfer - sie alle tragen schlanke, bunt bedruckte Anzüge. "Ich denke, ebenso wie es Picasso erlaubt war, sich die afrikanische Kultur anzueignen, habe ich das Recht, Dinge aus der viktorianischen Ära zu ethnisieren und sie mir anzueignen."

In der Fotoserie "Diary of a Victorian Dandy" (1998) nahm er dann selbst mit weltläufiger Eleganz die Posen eines Londoner Junggesellen ein, der sich nachlässig in den engen Zirkeln der Eliten bewegt, aber auch Zeit für den Club findet und die Entspannung im Nobelbordell. Im feinen Zwirn entspinnt sich die an Oscar Wilde oder die Moritaten eines William Hogarth angelehnte Bildgeschichte, die Leerstellen der Geschichte nicht einfach markiert, sondern satt ausmalt.

Yinka Shonibare CBE (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die "The African Library" (2018) versammelt nicht nur die Klassiker eines Kontinents. Shonibare hat die Werke allesamt in bunten Stoff eingeschlagen.

(Foto: Anthea Pokroy Photography/Yinka Shonibare CBE, Courtesy der Künstler und Goodman Gallery, Johannesburg, Kapstadt, Südafrika, VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Es war dann der Auftritt auf der von Okwui Enwezor kuratierten elften Documenta in Kassel, die Shonibare zum internationalen Star machte, der selbstverständlich dazu eingeladen wird, den leer stehenden vierten Sockel auf dem Londoner Trafalgar Square - das Herz des britischen Empires - mit Kunst zu bespielen. "Nelson's Ship in a Bottle" (2010) war allerdings kein Denkmal, sondern ein gewaltiges Buddelschiff, in das der Künstler die Victory des Nationalhelden eingelassen hatte, samt geblähter Segel aus - natürlich - Waxprint-Stoffen. Die heroische Geschichte, auf die hier angespielt wird, kennt mehr als eine Perspektive. Die Riesenflasche durfte schlussendlich ins National Maritime Museum umziehen, während der Künstler den Ritterschlag zum "Member" des "Order of the British Empire" erhielt. Das Kürzel "MBE" fügte er genauso seinem Namen hinzu, wie das aktuelle "CBE", seit einiger Zeit ist er nämlich "Commander".

Die durchaus zweischneidige Begeisterung von Yinka Shonibare für die Gespenster einer kolonialen Vergangenheit, aber auch den Glanz des historisch längst überholten Systems, für britische Orden und viktorianische Bordüren, für Fregatten und Debattierclubs, die ist jetzt zur Blaupause geworden für all die Aneignungen und Klitterungen in den populären Künsten: Sowohl die Mode eines Junya Watanabe, der Waxprint für Business-Anzüge nutzte, wie auch ein Film wie "The Favourite" profitieren von den Grenzüberschreitungen dieser Kunst. Man darf jetzt historische Kostüme, Punk-Ästhetik und Königinnendrama sampeln. Und, wie es die Kultserie "Bridgestone" belegt, Schwarze als britischen Hochadel auftreten lassen. Sie alle sind Erben der ungenierten, selbstbewussten, durchaus auch frivolen Kunst des großen Yinka Shonibare CBE, der die drei Buchstaben, die ihm das Empire geschenkt hat, beim Signieren hoffentlich mit waxprintbunter Tinte zeichnet.

Yinka Shonibare CBE. End of Empire. Im Museum der Moderne Salzburg, Mönchsberg bis zum 3. Oktober. Der Katalog kostet 36 Euro.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war fälschlicherweise vom "Salzburger Museum MMK Mönchsberg" die Rede. Es handelt sich jedoch um das "Museum der Moderne Salzburg" mit seinem Standort Mönchsberg.

© SZ/C.D./cat
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