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20 Jahre deutschsprachige Wikipedia:Global Player der Aufklärung

Galeriesaal mit Treppenaufgängen der Stadtbibliothek am Mailänder Platz Architekt Eun Young Yi Stu

Gesammeltes Wissen: Die Stadtbibliothek am Mailänder Platz in Stuttgart von Architekt Eun Young Yi.

(Foto: imago/Michael Weber)

Sie begann mit etwa 1000 Artikeln, heute wächst sie täglich um 300 weitere. Eine Gratulation der deutschsprachigen Wikipedia zum 20. Geburtstag.

Gastbeitrag von Steffen Kopetzky

Ein Freund erzählt, er wisse aus einer Familienchronik, dass die erste Anschaffung des ersten nachweislichen seiner Urahnen in der Stadt ein Ledereimer war. Der sei die Voraussetzung für das Bürgerrecht gewesen, was mit einer für die Städte des Mittelalters zentralen Institution zu tun hatte: der Feuerwehr. Nur Ledereimerbesitzer konnten bei Feuer Flusswasser schöpfen und eine Kette bilden, damit vielleicht ein Haus, aber nicht die ganze Stadt abbrannte.

Auch wenn die oft als Freiwilligen-Vereine organisierten Feuerwehren heutzutage gern belächelt werden - auf ihnen beruht ein wesentlicher Teil des Katastrophenschutzes, besonders in kleineren Kommunen. So, wie die Feuerwehren überlebenswichtige Einrichtungen sind, gibt es im globalen Dorf unserer digitalen Welt inzwischen eine vergleichbare Institution, die auf Freiwilligkeit und persönlichem Enthusiasmus (und ein wenig Geltungswillen) beruht und die wohl jeder, der sich im Netz umtut, benutzt: Wikipedia.

Auch hinter der deutschsprachigen Wikipedia steht ein gemeinnütziger Verein, Wikimedia e. V., bei dem man Mitglied werden kann, wenn man schätzt, was diese Organisation leistet: den die Ledereimer des Weltwissens schleppenden ehrenamtlichen Autoren die Basis für das unendliche Projekt zu bieten, eben die Weltweisheit zu erfassen und sie theoretisch jedem Menschen zugänglich zu machen. Vor zwanzig Jahren, Mitte März 2001, nahm die deutschsprachige Wikipedia ihre Arbeit auf - und begeht derzeit diesen Geburtstag. Ich gestehe, dass ich nicht nur zahlendes Mitglied von Wikimedia e. V. bin. Schon als Kind liebte ich Lexika, Atlanten und Wörterbücher, eine meiner Leidenschaften in der Grundschule bestand darin, "kostbare Wörter" samt Bedeutung auswendig zu lernen.

Mehr zur Person

Steffen Kopetzky debütierte 1997 mit seinem Roman "Handenzyklopädie der Grundprobleme Europas". In diesen Tagen erschien bei Rowohlt Berlin sein neuer Roman "Monschau", in dem er die letzte große Pockenepidemie der deutschen Geschichte schildert.

Die Realisierung der Borges'schen Bibliothek von Babel

Gleichzeitig mit dem Fall der Mauer volljährig geworden, vom paneuropäischen Gedanken beinahe religiös durchdrungen, gaben mir die polyhistorischen Werke der Weltliteratur das Maß vor: Borges, Thomas Mann, Joyce, Musil, Flaubert, der wissenschaftliche Surrealismus Ernst Jüngers, der wissenschafts- und lexikonvernarrte Arno Schmidt und vor allem der ironische Adam der modernen Literatur, Lawrence Sterne. Dass Literatur und besonders der Roman die Komplexität der Welt fassen können, das war meine tiefste Überzeugung.

Als die deutschsprachige Wikipedia mit etwa tausend Artikeln 2001 an den Start ging, arbeitete ich an einem enzyklopädischen Roman, in dem es neben der Geschichte der Zeitmessung und des Uhrenbaus auch um die der Eisenbahn, speziell der Schlafwagen ging. Den Artikel "Schlafwagen" gab es damals noch nicht, er wurde erst am 29. Januar 2003 um 15.40 Uhr angelegt (die Versionsgeschichte dokumentiert bei jedem der mittlerweile fast zwei Millionen Artikel, wer ihn wann angelegt und seitdem verändert hat). Doch gefielen mir der universalistische Anspruch, die spartanische Erscheinung und vor allem das System der Hyperlinks - Texte, die über einzelne Begriffe mit anderen Texten verbunden waren, schienen die Realisierung der Borges'schen Bibliothek von Babel, der paradiesischen Vorstellung einer Welt zu sein, die in ihrer Darstellung zu sich selbst und so vielleicht irgendwann einmal zum ewigen Frieden findet!

Im selben Jahr 2001 aber fielen die Türme in New York. Das Ende des Kalten Krieges brachte Konfliktlinien zum Tauen, die jahrzehntelang festgefroren gewesen waren und die nun ein Neudenken in Kategorien erzwangen, für die wir kein rechtes Verständnis mehr hatten. Die neue "planetarische Politik", die Panajotis Kondylis ein Jahrzehnt zuvor prognostiziert hatte, wurde sichtbar.

In den zwei Jahrzehnten, in denen sich seither nicht nur der weltweite Konsum und die damit einhergehende Ausbeutung und Vernichtung der Ökosysteme intensiviert haben, neue Kriege Hunderttausende Tote, Flüchtlinge und zerstörte Regionen hervorbrachten, der Aufstieg Chinas sich fortsetzte und sich die Populisten auch im Westen ausbreiten, hat sich Wikipedia parallel zu einem Global Player der Aufklärung entwickelt, der aus dem Beschreiben und Analysieren dieser globalen Gegenwart nicht mehr wegzudenken ist - denn Wikipedia ist ja eben nicht die eine, sondern auch wieder ein Schwarm. Wer würde die Entwicklungen auf dem Planeten auch nur annähernd erfassen können - wenn eben nicht die dreihundert gleichzeitig und autonom wirkenden Wikipedien, die es weltweit gibt? Sie sind nur selten bloße Übersetzungen der englischen Version, vielmehr entwickelt jedes sprachliche (nicht nationale!) chapter seine Texte eigenständig. Manchmal schaue ich mir nur denselben Begriff in den verschiedenen Sprachen an, die ich lesen kann, und die so erkennbaren Unterschiede alleine sind schon eine Lektion in Geopolitik und Bedeutungsdrift. Da man jeden Artikel in jeder Sprache in seiner inhaltlichen Chronologie zurückverfolgen kann, lässt sich also durch ein paar Klicks nachsehen, wie man 2009 weltweit über den Klimawandel oder den Reality-TV-Star Donald Trump dachte. Eine zukünftige Mentalitäts- und Kulturgeschichte der Menschheit wird hier vorsortiert. Wikipedia ist höchst gegenwärtig und gleichzeitig ein perfektes Archiv.

Es sind gerade die Fehler, die Wikipedia lebendig machen

Sie ist zugleich ein großer Anachronismus - der wiederum vielleicht auch schon die Avantgarde darstellt. Denn obwohl Wikipedia in einer Liga mit Google und Facebook spielt, ist sie bis zum heutigen Tage - trotz der Milliarden von Zugriffen, die sich leicht in andere Milliarden ummünzen ließen, nicht kommerzialisiert. Aber Wikipedia verzichtet nicht nur darauf, seine Nutzer abzusaugen, sondern öffnet sich ihnen sogar, auf dass jeder in ihre Texte eingreife und verbessere, der sich dazu berufen fühlt. Tatsächlich steigen viele Wikipedianer über Korrekturen in die aktive Mitarbeit mit ein. Es sind also gerade die Fehler, die Wikipedia lebendig machen - sie ist die unendlich zu Verbessernde und hat daraus ihre größte Tugend gemacht.

Die erbittertste Kritik an Wikipedia stammt von Menschen, die es zum Beispiel eine Frechheit finden, dass die "Flachwelttheorie" - der Glaube, die Erde sei eine Scheibe - zwar einen Eintrag habe, aber Wikipedia diese Vorstellung nicht gleichwertig wie jenen Artikel über die Erde als kugelförmiges Objekt unseres Sonnensystems behandele. Das sei undemokratisch. So wie Demokratie aber eben gerade nicht die Herrschaft von jedermann, sondern die Herrschaft der Mehrheit ist, so will auch Wikipedia qua Selbstdefinition nur allgemein akzeptiertes Wissen abbilden und keine Spekulationen.

Aber auch die Wikipedianer selber machen es sich nicht leicht und streiten - offen einsehbar - über Formulierungen, Definitionen und Einschätzungen, sodass es manchmal zu Zeit und Nerven angreifenden edit wars kommt, bis Ritter des Wikiversums einschreiten und den strittigen Artikel mit ihrer Administratorenmacht einfrieren müssen. Aber das sind Lappalien angesichts der Ausmaße dieses Wissenskosmos und der Geschwindigkeit, mit der er weiter wächst: die deutschsprachige Wikipedia alleine etwa um dreihundert Artikel pro Tag.

Auch wenn die berühmte Enzyklopädie der Künste, Wissenschaften und Gewerke der Aufklärer Diderot und D'Alembert von wenigen Autoren verfasst wurde und also ziemlich das Gegenteil der neuen, von einem gemeinnützigen Schwarm erstellten Enzyklopädie ist, so haben beide doch gemeinsam, dass man unendliche Kopfreisen in ihnen anstellen kann, die einen an anderen Orten absetzen als an denen, die man eigentlich als Ziel hatte. Wenn ich früher durch die Seiten des Brockhaus blätterte, so faszinierten mich diejenigen Artikel, die auf dem feingliedrig alphabetischen Weg zum Gesuchten lagen, oft viel mehr als das Gesuchte selbst. Und das eigentlich Wunderbare auch von Wikipedia ist eben nicht, dass ich beinah zu allem, was ich wissen will, einen Eintrag finde, der mir einen Überblick verschafft, von dem aus ich dann in eine Tiefenrecherche einsteigen kann - sondern dass ich, beflügelt durch die simple, aber wirkmächtige Verlinkung aller Artikel miteinander, wie in den zeitlosen Nachmittagen meiner Brockhaus-Kindheit, auf Dinge, Tiere, Länder, Biografien und Sachverhalte stoße, von denen ich noch niemals gehört habe.

Sie sind die eigentlichen Körner, an denen der Stendhal'sche Kristall der Inspiration wachsen kann. Im Grunde ist es die große Erzählung vom Menschen überhaupt, die bereits jetzt in ihren lichten Tiefen schlummert.

© SZ/gor/khil
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