Literatur-Kolumne:Was lesen Sie?

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Literatur-Kolumne: Wegen Enid Blyton ist sie Schriftstellerin geworden: Mithu Sanyal.

Wegen Enid Blyton ist sie Schriftstellerin geworden: Mithu Sanyal.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

In unserer Interviewkolumne fragen wir bekannte Persönlichkeiten nach ihrer aktuellen Lektüre. In dieser Folge: Mithu Sanyal.

Von Miryam Schellbach

Mithu Sanyal ist Schriftstellerin und Zeitkommentatorin. Nach ihren Sachbüchern "Vergewaltigung - Aspekte eines Verbrechens" und "Vulva - die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts" erschien 2021 ihr Romandebüt "Identitti". Kürzlich forderte sie gemeinsam mit anderen eine "Parlamentspoetin".

SZ: Was lesen Sie gerade?

Mithu Sanyal: Immer zu viele Bücher gleichzeitig. Sie liegen in meinem Bett und drücken mir nachts liebevoll Rillen in die Haut. Von hier aus gesehen, sind die nächsten drei: "Time Travel, A History" von James Gleick, Heinrich Böll/Sharon Dodua Otoo "Gesammeltes Schweigen", "Enid Blyton, The Biography" von Barbara Stoney - und sie sind alle toll.

Was ist das letzte richtig gute Buch, das Sie gelesen haben?

Deepa Anapparas "Die Detektive vom Bhoot-Basar" ist so gut, dass ich es gerade wiedergelesen habe. Das ist einer dieser Romane, bei dem ich mich selbst ertappt habe. Ich dachte: Oh, das sind ja Menschen wie du und ich. Mit "das" meinte ich die indischen Slumkinder, die in dem Roman nach ihren entführten Freunden suchen. Anappara gibt diesen Kindern ihre Menschlichkeit wieder. So soll Literatur sein: warm, magisch und Augen öffnend.

Welches Buch gehört verboten?

Harry Rowohlt hat einmal gesagt, er wäre nicht der Terminator, er wäre eher der Tolerator (oder so ähnlich). Ich glaube, ich bin Harry Rowohlt. Ich kann mir nicht vorstellen, ein Buch zu verbieten. Aber ein Roman, den ich wirklich hasse, ist "Madame Bovary" von Flaubert. Weil Flaubert sich seiner Hauptfigur so überlegen fühlt und das in jedem Satz heraushängen lässt.

Welches Buch hassen Sie, schätzen aber den Autor?

Ich finde Sibylle Berg so toll, aber ich habe ein Problem mit ihrer Literatur, weil sie diesen kalten Blick auf die Welt hat. Dazu hat sie natürlich jedes Recht, aber ich kann es nicht lesen.

Kann ein schlecht geschriebenes trotzdem ein gutes Buch sein? Oder ein gut geschriebenes trotzdem gescheitert?

Ich schreibe gerade einen Essay über Enid Blyton, die so offensichtlich rassistisch und sexistisch und auja, erst mal klassistisch war, und die trotzdem der Grund ist, warum ich Schriftstellerin bin. Mehr dazu in der demnächst erscheinenden Hanser-Anthologie "Canceln. Ein notwendiger Streit".

Welches Buch erklärt für Sie am besten die ganze Welt?

"Geflochtenes Süßgras" von Robin Wall Kimmerer. Kimmerer ist Professorin für Umweltökologie und First Nation American und verbindet diese beiden Wissenschaftstraditionen auf produktivste Weise. Wenn wir über Umweltschutz sprechen, hat das ja immer den Unterton von: Menschen sind die Parasiten des Planeten, und es wäre besser, wenn wir möglichst schnell aussterben. Kimmerer zeigt dagegen, dass die "Natur" nicht nur uns etwas gibt, sondern wir eine Menge zurückzugeben haben, wenn wir nur wissen wie - und überhaupt wie intim wir mit der gesamten lebendigen Welt verbunden sind.

Wer wäre Ihre erste Kandidatin als Bundestags-Poetin?

Jacinta Nandi. Aber auch Deniz Utlu, Ulrike Herrmann, Margarita Tsomou, Riem Spielhaus, Senthuran Varatharajah und so viele mehr. Zum Glück ist das ja als rotierendes Amt gedacht, so könn(t)en wir viele verschiedene künstlerische Perspektiven auf Politik haben. Ich finde das immer noch eine prima Idee. Und nein, das wird nicht die Welt retten. Aber es würde sie ein wenig schöner machen.

Weitere Folgen der Interview-Kolumne lesen Sie hier.

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