Literatur-Kolumne:Was lesen Sie?

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Literatur-Kolumne: Wochenlang saß sie angeekelt in der Schulbank, als "Homo faber" drankam - obwohl sie Max Frisch bewunderte: die Schriftstellerin Shida Bazyar.

Wochenlang saß sie angeekelt in der Schulbank, als "Homo faber" drankam - obwohl sie Max Frisch bewunderte: die Schriftstellerin Shida Bazyar.

(Foto: Georg Wendt)

In unserer Interviewkolumne fragen wir bekannte Schriftsteller und Schriftstellerinnen nach ihrer aktuellen Lektüre. In dieser Folge: Shida Bazyar.

Von Miryam Schellbach

Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil, weiß literarisch von der iranischen Revolution genauso wie von rechtsterroristischer Gewalt im Deutschland der Gegenwart zu erzählen. Ihr zweiter Roman, "Drei Kameradinnen", stand 2021 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

SZ: Was lesen Sie gerade?

Shida Bazyar: Ich lese das Sachbuch "Irgendjemand musste die Täter ja bestrafen" von Achim Doerfer über jüdischen Widerstand und jüdische Rache in und nach der Zeit des Nationalsozialismus. Man wünscht sich beim Lesen die ganze Zeit, die Täter und Täterinnen wären wirklich alle bestraft worden, und ist ein weiteres Mal entsetzt darüber, wie sehr bestimmte geschichtliche Narrative von den Interessen einer Mehrheitsgesellschaft abhängen. Soll heißen: Ich wusste bisher viel zu wenig über die stattgefundene Rache, und dass das den meisten Menschen so geht, ist vermutlich kein Zufall.

Was ist das letzte richtig gute Buch, das Sie gelesen haben?

Emine Sevgi Özdamars "Ein von Schatten begrenzter Raum". Ich habe das Gefühl, ich bin beim Lesen auf die Knie gegangen. Und da bin ich noch immer. Die Brutalitäten und Kontinuitäten von (staatlichem) Terror und Gewalt innerhalb Europas auf so kluge Art zu literarisieren, ohne dabei in die üblichen Fallen und Vergleiche zu verfallen, ist ganz große Kunst. Ich verehre die Sprache, den Witz, die Ehrlichkeit darin, ich kenne nichts Vergleichbares.

Welches Buch hassen Sie, schätzen aber den Autor?

Max Frischs "Homo Faber", dabei liebe ich den Autor seit meinen Teenagerjahren. Ich weiß noch, wie ich andere Romane von ihm las und jeden Satz unterstreichen wollte, weil sie deep und poetisch und trotzdem verständlich waren. Vielleicht war Frisch so was wie eine Brücke, um von der Jugendliteratur zur "Erwachsenenliteratur" zu kommen. "Homo Faber" haben wir in der Schule gelesen, und ich habe es gehasst. Dieses ganze, niemals endende Ringen um die eigene Männlichkeit, diese nervigen Magenschmerzen, die Inzest-Story, ich saß wochenlang angeekelt in der Schulbank und fand auch die institutionell herbeiinterpretierte "Differenz zwischen Technik und Natur" nicht. Und wenn ich sie fand, dann fand ich sie nicht interessant genug, um Frisch den Rest zu verzeihen. Das war das erste Mal, dass ich in einer Deutsch-Kursarbeit schlechter als Zwei abschnitt (sogar mit einer Vier, um ehrlich zu sein).

Ein Kinderbuch, aus dem Sie noch heute einen Satz auswendig können?

"Es gibt Dinge, die muss man tun, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck", sagt Jonathan zu Krümel in Astrid Lindgrens "Die Brüder Löwenherz". Ehrlich gesagt mochte ich als Kind daran vor allem die Dreck-Metapher. Ich benutze sie für mein Leben gern.

Ihr Roman "Drei Kameradinnen" ist dem Titel nach an Erich Maria Remarques Klassiker "Drei Kameraden" angelehnt. Was bedeutet Ihnen der literarische Kanon?

Gar nichts. Man erkauft sich lediglich die Credibility bei einem bildungsbürgerlichen Publikum, wenn man erzählt, dass man sich auf diesen einen Klassiker beruft. Irgendwann habe ich angefangen, nach meinen Lesungen zu fragen, wie viele Leute im Publikum eigentlich Remarques "Drei Kameraden" gelesen haben. Der Schnitt liegt in der Regel bei null bis eins. Dass Bücher, die kein Mensch gelesen hat, trotzdem ein unsichtbarer Schlüssel für bestimmte Räume sind, ist doch ein wirklich überflüssiges Phänomen. Ich empfehle "Drei Kameraden" aber trotzdem von Herzen - weil es ein umwerfendes Buch ist.

Über Ihr Buch wurde einmal gesagt, es sei eine große Publikumsbeschimpfung gewesen. War das eine richtige Beschreibung?

Wenn man gerne oberflächlich liest und sich keine Gedanken über die literarische Umsetzung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen macht: klar! Und zwar eine ganz bewusste. Ich hatte mal eine Lesung in Hanau, am zweiten Jahrestag des Anschlags. Anschließend kam eine Frau zu mir und sagte, dass sie sich noch nie in einem Roman so wiedergefunden hat wie in "Drei Kameradinnen". Dann weinte sie. Dann weinte ich. Dann standen wir da und weinten zusammen, zwei völlig Fremde. Ich weiß nicht, ob das mit der Publikumsbeschimpfung so ein wichtiger Aspekt des Buches ist, ich glaube nicht.

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