Was ist Heimat? Heimat ist da, wo es besonders weh tut

(Foto: imago; dpa; photocase; Bearbeitung SZ)

Wenn Heimat zum Kampfbegriff der Rechten wird, ist es notwendig, Heimatromane zu schreiben. Nur schön und harmlos dürfen sie nicht sein.

Gastbeitrag von Petra Piuk

Warum hast du keinen schönen Heimatroman geschrieben, fragte mich ein Bewohner eines burgenländischen Dorfes nach dem Erscheinen meines ersten Buches. Er sagte: Hättest du einen schönen Heimatroman geschrieben, hätten wir dich zu einer Lesung ins Gasthaus eingeladen, aber so. Der Begriff Heimatroman löste in uns beiden - so vermute ich - unterschiedliche Assoziationen aus. Er dachte möglicherweise an Berge, Blumenwiesen und eine Geschichte, in der es um Liebe, Heirat und Familienglück geht. Ich dachte an Texte von Thomas Bernhard, Herta Müller, Josef Winkler, Elfriede Jelinek, Reinhard P. Gruber, Gert Jonke, Werner Kofler und Martin Sperr. Der Dorfbewohner sagte: Wird halt dein zweites Buch ein Heimatroman. Ja, warum nicht, sagte ich.

Ich tauchte in die verkitschte Heimatwelt ein. Hörte Schlager und Volksmusik. Sah mir alte Heimatfilme an. Las Heftchenromane. Notierte, was die Bestandteile eines klassischen Heimatromans sind: heile Welt, Brauchtum, Naturverbundenheit, Familienidylle, Tierliebe, Hochzeitsglocken und so weiter. Die einzelnen Themen wurden zu den Kapitelüberschriften des Romans. Von Kapitel 1 "Eine schöne Musik" bis Kapitel 37 "Ein glückliches Ende". Das Gerüst des "schönen Heimatromans" war geschaffen.

Ich führte Interviews und Gespräche in mehreren österreichischen Gemeinden. Wollte wissen, was Heimat für die Menschen auf dem Land heute bedeutet. Welches die aktuellen Stammtischthemen sind. Und welche Negativklischees es nach wie vor gibt. Frauen und Männer erzählten mir von skandalträchtigen Vorfällen. Zumindest so lange sich diese bei den Nachbarn oder im Nachbardorf abspielten und sie nicht selbst betroffen waren.

Was ist Heimat?

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Beim Thema Sodomie begannen viele zu schmunzeln. Ja, ja, so etwas gebe es noch, erst neulich und so weiter. Über Flüchtlinge wurde geschimpft. Beim Thema Homosexualität wollten sich manche aufgeschlossen zeigen. Gegen Homosexuelle habe man nichts. Aber, nein, die Hand würde man ihnen nicht geben. Sexismus ist vielerorts üblich und wurde oft nicht als Problem gesehen, selbst von betroffenen Frauen nicht. So seien sie halt, die Männer.

Ein Thema gab es, über das kaum jemand mit mir sprechen wollte: Österreichs NS-Vergangenheit. Da leerte man sein Glas in einem Zug. Da bestellte man schnell die Rechnung. Da schleuderte man mir im Gehen Sätze entgegen wie: Unsere Väter und Großväter sind keine Verbrecher. Wir sind nicht schuld. Und: Mit so einer wie dir hätten wir damals schon gewusst, was wir machen.

Bei der Frage nach der Heimat kamen viele ins Schwärmen: Heimat sei dort, wo das Elternhaus stehe. Mit Heimat verbinde man eine unbeschwerte Kindheit. Oder: Heimat sei der Ort, an dem man sich rundum wohlfühle.

Auch ich habe Orte, an denen ich mich wohlfühle. Ich nenne sie Orte, an denen ich mich wohlfühle

Wenn Heimat ein Ort ist, an dem man sich wohlfühlt, müsste ein Heimatroman eine Art Wohlfühlroman sein. Vermutlich erwartete sich der burgenländische Dorfbewohner genau das: einen Wohlfühlroman. Nach dessen Lektüre man erleichtert seufzt. Hach. Weil noch einmal alles gut gegangen ist, obwohl man schon von Anfang an wusste, dass alles gut gehen würde. Aber mit Wohlfühlliteratur kann ich genauso wenig anfangen wie mit einem nostalgisch verklärten Heimatbegriff. Selbstverständlich habe auch ich Orte, an denen ich mich wohlfühle. Sogar mehrere. Ich sage nicht Heimat oder Heimaten dazu, sondern: Orte, an denen ich mich wohlfühle.

Ob es denn nur eine oder mehrere Heimaten gebe, wollte ich von meinen Gegenübern noch wissen. Selbstverständlich gebe es nur eine, sagten die meisten und nannten ihr Dorf, ihr Bundesland oder Österreich. Dabei richteten sie sich auf, der Blick nicht mehr verträumt, eher kämpferisch.

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In meinem Roman gibt es für die Dorfbewohner des fiktiven österreichischen Ortes Schöngraben an der Rauscher auch keine Pluralform von Heimat, keine Heimaten, sondern eine einzige Heimat. In die wird man hineingeboren und der bleibt man ein Leben lang treu. Geburtsort ist gleich Sterbeort. Heimat als Ort, an dem man heile Welt spielt. Mit Stacheldrahtzäunen rundherum.

Heimat als Synonym für "Wir gegen die Anderen" funktioniert auch jenseits der Fiktion. Die Freiheitliche Partei Österreichs, die sich selbst "soziale Heimatpartei" nennt, redet bei jeder Gelegenheit von einem drohenden Verlust der Heimat. Und von der Notwendigkeit, die Heimat vor Überfremdung zu schützen. Die Partei konnte mit ihren Heimatparolen vor allem bei der ländlichen Bevölkerung Zustimmung gewinnen und schaffte es in die Regierung. Sogar von einem Heimatschutzministerium war die Rede. Aktuell spricht man von Massenlagern in Kasernen und Ausgangssperren für Geflüchtete und man tut alles dafür, dass Integration nicht gelingt. Die "neue Volkspartei", die christlich-sozial sein will, betet das "Heimat Unser" mit. Die Regierung bewegt sich raschen Schrittes rückwärts.

Ich wollte sowohl dem ideologisch-aufgeladenen als auch dem romantisch-verklärten Heimatbegriff etwas entgegenhalten. Zeigen, dass Heimat kein Heile-Welt-Ort ist. Dass Sexismus, Machtmissbrauch und Gewalt alltäglich sind. Dass Gewalttäter häufig aus dem eigenen Umfeld stammen. Da hilft auch der höchste Zaun nichts.

In Zeiten, in denen Heimat wieder zum Kampfbegriff der Rechten wird und gleichzeitig verkitscht im Fernsehen oder als Hirschmotiv auf Kaffeetassen auftaucht, ist es auch wieder notwendig, Heimatromane zu schreiben. Und zwar solche, die den Heimatbegriff kritisch hinterfragen.

Ein Heimatroman, den ich lesen oder schreiben mag, darf nicht harmlos und schon gar nicht schön sein. Er muss hinter die Fassade der Dorfhäuser blicken. Hinter die Fensterläden. Und hinter die verbarrikadierten Kellertüren. Er muss Themen wie Inzest und Nazi-Verherrlichung ans Tageslicht bringen. Diese Themen gibt es nach wie vor. Nicht in jedem Dorf. Nicht nur auf dem Land. Nicht nur in Österreich.

Man brauche bei der Lektüre meines Romans einen guten Magen, hörte ich von Menschen, die ihr Abendessen während der furchtbarsten Fernsehnachrichten genießen können. Wenn ich meinem Magen etwas Gutes tun möchte, lese ich keinen Heimatroman, wie ich ihn verstehe, sondern trinke eine Tasse Kräutertee.

Ob der burgenländische Dorfbewohner meinen Roman gelesen hat, weiß ich nicht. Eine Einladung für eine Lesung im Gasthaus habe ich bis jetzt nicht erhalten.

Petra Piuk, geboren 1975 im österreichischen Güssing, ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman" (Kremayr & Scheriau, Wien).

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