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Zum Tod des Lektors Walter Pehle:Der nimmermüde Aufklärer

Tiefe Skepsis gegenüber der These vom verführten Volk: Walter Pehle 2010.

(Foto: Stefan Gelberg)

Schlüsselfigur der deutschen Erinnerungskultur: Der S.-Fischer-Lektor Walter Pehle ist gestorben.

Nachruf von Lothar Müller

Als Walter Pehle 1976 Lektor bei S. Fischer wurde, war er kein ganz junger Mann mehr. Er war ein Kriegskind, geboren 1941 in Düsseldorf, hatte eine kaufmännische Lehre absolviert, im Jahr 1966 zu studieren begonnen, vor allem Geschichtswissenschaft. Zehn Jahre später war seine bei Wolfgang J. Mommsen geschriebene Dissertation "Die nationalsozialistische Machtergreifung in Aachen unter besonderer Berücksichtigung der staatlichen und kommunalen Verwaltung" fertig. Er hat später von dem generationstypischen Misstrauen berichtet, das er gegen seinen Vater hegte, den Düsseldorfer Regierungsrat und Kriegsteilnehmer im Majorsrang, aber auch davon, dass er über ihn in den Archiven nichts Belastendes gefunden hatte.

Die Zeitgeschichte war in den späten Siebzigern ein aufblühendes Fach. Ohne Lektoren wie Walter Pehle wäre ihr Echoraum geringer gewesen. Es ist kaum übertrieben, ihn als einen Hauptverantwortlichen dafür zu bezeichnen, dass dieser Echoraum nicht akademisch blieb, sondern ein Publikumsmarkt wurde. Pehle hatte begriffen, dass dabei das Taschenbuch eine Schlüsselrolle spielen musste. So wurde er zum Begründer und Motor der "Schwarzen Reihe", die ihren umgangssprachlichen Namen dem wiedererkennbaren Format verdankte, in dem sie auftrat.

Ihr Gehalt war "Die Zeit des Nationalsozialismus". Ihrem Profil kam zugute, dass Pehle ein Schüler von Wolfgang J. Mommsen war und zum Verwaltungsalltag des eben an die Macht gelangten Nationalsozialismus geforscht hatte. Er war dadurch mit einer tiefen Skepsis gegen die Vorstellung geimpft, der NS-Staat habe sich als von der Spitze ausgehendes Befehlssystem durchgesetzt und sei wie ein Keil von außen in die deutsche Gesellschaft getrieben worden. Das zentrale Element von Verwaltungen ist das reibungslose Funktionieren - wie der NS-Staat funktionierte, interessierte Pehle. Sein Credo war das des Verlagsgründers Samuel Fischer, der dem Publikum nicht lediglich geben wollte, wonach es verlangte, sondern schon auch mal aufdrängen, wovon es noch nicht wusste, dass es daran interessiert war.

Vor allem aber legte er Raul Hilbergs "Die Vernichtung der europäischen Juden" wieder auf

Eine seiner Formeln für die Lektorentätigkeit: Netzwerke von Büchern bilden. Er bildete diese Netzwerke, um jene Netzwerke sichtbar zu machen, denen das Herrschaftssystem des Nationalsozialismus seine Macht verdankte. Dazu gehörten Backlistdurchforstung, Übersetzungen, Neuausgaben, Bearbeitungen, gezielte Rückgriffe wie die auf Exilbücher über den Nationalsozialismus in Deutschland, Ernst Fraenkels "Der Doppelstaat" (1941) etwa oder Franz Neumanns "Behemoth" (1944), die er in den Achtzigern herausbrachte. Da war sein Projekt schon weit vorangeschritten: Zur Fernsehserie "Holocaust" (1979), die eine Bresche für die Erinnerungskultur schlug, hatte er rasch einen Debattenband produziert.

Vor allem aber hatte er Raul Hilbergs "Die Vernichtung der europäischen Juden" zu S. Fischer geholt, ein Buch, das im Original bereits 1961 erschienen war, dessen deutsche Übersetzung aber erst 1982 in einem kleinen Westberliner Verlag herauskam. Auch diese Verspätung, die etwas von einer Verschleppung hatte, gehörte zur Zeitgeschichte. Pehle nahm Kontakt mit dem Autor auf, dessen stark überarbeitete Ausgabe in drei günstigen Taschenbuchbänden in der "Schwarzen Reihe" erschien, im Sommer 1990, dem Jahr der deutschen Wiedervereinigung.

Ein Lektor mit einer Agenda braucht in besonderer Weise den Rückhalt seines Verlags. Pehle hatte ihn in Gestalt von Monika Schoeller, die seine "Schwarze Reihe" 1988 aus dem allgemeinen Taschenbuchprogramm heraushob und zu einer selbständigen Programmschiene machte. Über 250 Bände waren es geworden, als Walter Pehle 2011 sein Zimmer im Verlag räumte. Büchernetzwerker, Aufklärer blieb er auch nach dem Ausscheiden aus dem Lektorat. Nicht lange nach seinem 80. Geburtstag am 8. Februar dieses Jahres ist Walter Pehle nun gestorben.

© SZ/crab
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