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Wagner-Aufführung in Israel:Historischer Tabubruch

In Bayreuth gefeiert, in Jerusalem tabu: Vielen Kritikern gilt Richard Wagner als Ahne der Nazi-Ideologie, in Israel wurde seine Musik seit Jahrzehnten so gut wie nicht gespielt. Nun soll der Boykott überraschend gebrochen werden. Das im Juni geplante Konzert, das ausschließlich dem Komponisten gewidmet ist, kann schon jetzt als historisch gelten.

Das Nazi-Reich besitze "keinen größeren Ahnen und keinen vollendeteren Repräsentanten seiner Ideologie" als Richard Wagner, äußerte 1938 der aus dem jüdischen Großbürgertum Berlins stammende Schriftsteller Ludwig Marcuse. Eine Aussage, die verständlicher macht, warum es im Staat Israel seit Jahrzehnten das umstrittene Wagner-Tabu geben kann, nämlich den vorwiegend von Überlebenden des Holocaust geforderten Verzicht auf jede öffentliche Darbietung der Musik Richard Wagners.

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Kunst und Ideologie: Richard Wagner (1813-1883) ist wegen des Antisemitismus-Vorwurfs und seiner "Rolle" im Dritten Reich umstritten.

(Foto: dpa)

Sie verletzt ganz offensichtlich bis heute Gefühle vieler Israelis, zugespitzt in der späteren Feststellung Theodor W. Adornos: "Der Wagner'sche Antisemitismus versammelt alle Ingredienzien des späteren in sich." Eine Tatsache, eine Vermutung?

Wie auch immer dieser schreckliche Antisemitismus-Befund zu bewerten ist - die hitzige Wagner-Debatte beschäftigt bis in die Gegenwart weltweit die Musikforscher, Politologen und Psychoanalytiker -, punktgenau kommt jetzt, noch während des Besuchs des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck, aus Israel die überraschende Meldung: Der Wagner-Boykott, zwar nie offiziell verordnet, aber stillschweigend akzeptiert, soll gebrochen werden.

Am 18. Juni, so lautet die Mitteilung von Jonathan Livny, dem Vorsitzenden der 2010 gegründeten israelischen Wagner-Gesellschaft, wird im Smolarz-Auditorium der Universität von Tel Aviv ein ausschließlich Wagner gewidmetes Konzert stattfinden, für das eigens rund einhundert Musiker aus verschiedenen Ensembles zu einem großen Orchester zusammengeführt werden.

Denn es sei "an der Zeit, den Wagner-Boykott zu brechen", sagt Livny, der Sohn eines Holocaust-Überlebenden aus Deutschland, und fügt hinzu, er respektiere alle Menschen in seinem Land, "die diese Musik nicht hören wollen", halte es aber auch für richtig, jenen Leuten "Respekt zu erweisen, die es doch wollen".

Auf dem Programm stehen unter anderem die Ouvertüren zu "Tannhäuser" und den "Meistersingern von Nürnberg", das Siegfried-Idyll, Isoldes "Liebestod" aus "Tristan und Isolde" sowie Siegfrieds Trauermarsch aus der "Götterdämmerung".

Der namhafte israelische Dirigent Asher Fisch leitet das Sonderkonzert, das nicht mit öffentlichen Geldern, sondern mit Hilfe privater Mittel finanziert wird. Es soll dabei ein Rahmenprogramm mit Vorträgen zum Thema Wagner und Israel geben.

Zum Skandal inszeniert

Denkwürdig ist die Vorgeschichte zu dem schon jetzt historisch zu nennenden Konzert: Nicht nur der offene Streit um Wagners Antisemitismus, seine Schrift über "Das Judentum in der Musik" von 1850 und seine "Rolle" im Dritten Reich mit Hitlers Bayreuth-Manie gehören zu dieser Vorgeschichte, sondern gerade auch die missglückten Versuche, das Wagner-Tabu Israels zumindest phasenweise zu durchbrechen. Die Dirigenten Zubin Mehta, Chef des Israel Philharmonic Orchestra, und Daniel Barenboim stehen dabei im Vordergrund.

Israels couragierter Staatsbürger Barenboim etwa, Musikdirektor der Berliner Staatsoper, hatte 2001 versucht, beim Gastkonzert seiner Berliner Staatskapelle in Jerusalem das Tristan-Vorspiel wenigstens als Zugabe aufzuführen: Dazu sprach er ausgiebig mit dem Publikum und gab dann Wagner-unwilligen Zuhörern Gelegenheit, den Saal rechtzeitig zu verlassen, was nur wenige taten.

Erst am nächsten Tag wurde daraus ein Skandal "inszeniert". Die Wagner-Versuche in Israel nahmen aber zu: 2011 gastierte ein Israelisches Kammerorchester in Bayreuth mit Wagner, auf Einladung der Urenkelin und Festspielchefin Katharina Wagner.

Musik und Ideologie

Wagner sei, so Thomas Mann 1939, "eines der schwierigsten, das psychologische Gewissen am tiefsten herausfordernden, darum aber auch eines der faszinierendsten Vorkommnisse der Kunst- und Geistesgeschichte". Wagners Antisemitismus und vermutetes Nazi-Vorläufertum ist nicht identisch mit seiner Kunst: eine Sache subtiler Unterscheidung - auch des Gefühls.

Das bisherige Wagner-Tabu gehört zu Israels kultureller Symbolpolitik, das Konzert vom 18. Juni aber lässt sich mit dem Fanal von Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung" zusammenhören: dass Wagners Musik nicht dasselbe ist wie die Ideologie, sondern Botschaften der Versöhnung und Menschenliebe bereithält.

© SZ vom 01.06.2012/feko/pak

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