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Volkstheater München:Zuckersüß erdrückt

Unbändiges Eheglück: Jörgen Tesman (Jakob Immervoll) merkt nicht so recht, dass seine Frau Hedda (Anne Stein) nicht ganz so verliebt in ihn ist, wie er in sie.

(Foto: Arno Declair)

Lucia Bihler inszeniert "Hedda Gabler" am Volkstheater als Rokoko-Zombie-Drama

Von Christiane Lutz

Hedda langweilt sich tierisch. Sechs Monate Hochzeitsreise mit dem drögen Jörgen sind endlich vorbei, doch der Alltag in Oslo verspricht kaum Besserung. "Einmal in meinem Leben will ich Macht besitzen über das Schicksal eines anderen Menschen" ist ihr einziger Plan, der einzige formulierte Wunsch für die Zukunft. Am Ende gelingt ihr das, sie zerstört die Karriere ihres ehemaligen Geliebten. Danach gibt es für sie dann auch nichts mehr zu tun, als sich das Leben zu nehmen.

Lucia Bihler hat "Hedda Gabler" inszeniert und hat dem Volkstheater damit einen bonbonfarbenen, würdigen und sehenswerten Start in die neue Saison beschert. Zunächst versetzt sie Ibsens Drama (uraufgeführt 1891 in München) in die Zeit des Rokoko, also weit vor dessen gedachter Zeit. Zwingend ist das nicht, es sieht aber herrlich aus und bietet viel Spielmöglichkeit sowie wunderbar musikalische Begleitung von Jörg Gollasch. Von der Decke hängen wattige Wolken, auf einem Drehpodest steht eine Chaiselongue und ein kleiner Beistellwagen, winzige Süßigkeiten türmen sich in einer Etagere. Am Mittelpunkt dieses Drehpodests rotiert Hedda, die ebenfalls aussieht wie eine Süßigkeit: Zu karamellfarbener Turmfrisur und Marie-Antoinette-Gesicht trägt sie ein minzgrünes Kleid, das wirkt, als bestünde es aus Marzipan. Wie überhaupt alle Figuren in dem Stil gekleidet sind und damit aussehen, als könnte man sie problemlos auf komplizierte Hochzeitstorten montieren. Eine großartige Ausstattung, für die Laura Kirst verantwortlich ist. In diesem Haus sind alle schwankende Zuckerguss-Zombies, von Anfang an gefangen und unfrei. Dass sich Bihler das Quietschbunte wohl von Herbert Fritsch abgeschaut hat - geschenkt.

Regisseurin Bihler, 31, ist eigentlich Münchnerin, lebt und arbeitet inzwischen aber vor allem in Berlin, wo sie Hausregisseurin an der Volksbühne und Mitglied der künstlerischen Leitung ist. Sie interessiert sich in ihrer Arbeit sehr für diesen Daseinszustand zwischen Leben und Tod, scheint es, sie versetzt ihre Figuren gern hinein in jenes wankende Funktionieren, roboterhaftes Agieren, das kaum durch irgendeine persönliche Motivation zustande kommen kann. Sie schiebt ihre Figuren hinter Schminke und Kostüme, sie dürfen nicht mal alle Geräusche selbst machen, die kommen teils vom Band. Darin erinnert Bihler ein klein wenig an Susanne Kennedy, die ihre Schauspieler komplett hinter Masken und falschen Stimmen versteckt. Anders als Kennedy aber entmenschlicht Bihler ihre Figuren damit nicht, sie saugt ihnen nur das Feuer aus den Adern, macht sie zu schlaffen Funktionierenden. Das erzählt viel über menschliche Unfreiheit und über das gigantische Kasperltheater, was wir Tag für Tag veranstalten, um bloß nicht unser wahres Gesicht zeigen zu müssen.

Mit der Methode inszenierte Bihler auch Robert Menasses "Die Hauptstadt", eine Produktion des Wiener Schauspielhauses, mit der sie in diesem Frühjahr bei "Radikal jung" eingeladen war. Damals aber ging das Konzept nicht recht auf, der Zombie-Effekt nutzte sich schnell ab und erzählte nichts Wesentliches. Ein wenig läuft Bihler Gefahr, die Figuren und sich selbst mit ihrer strengen Setzung gefangen zu nehmen. Denn Figuren, begraben unter Turmfrisur und Kostüme, haben Schwierigkeiten, menschliche Regungen nach draußen zu senden. Warum, kann man fragen, bringt sich eine Hedda um, die doch von Anfang an erloschen und erdrückt wirkt? Dramatische Entwicklungen unter Zuckerguss sind eher schwierig.

Umso dringender fordert Bihlers Stil nuanciertes Spiel - und glücklicherweise hat sie am Volkstheater eine feine Besetzung an ihrer Seite. Ensemble-Neuling Anne Stein legt als Hedda eine beeindruckende Premiere hin. Sie ist während der kompletten Vorstellungsdauer hyperwach und sediert zugleich und schafft es, durch all ihre Schichten an Zuckerguss und Langeweile hin und wieder Kontakt aufzunehmen mit dem Publikum. Wenn sie am vorderen Bühnenrand auf ihren einstigen Geliebten Eilert Lövborg (Jakob Geßner) trifft, blitzt kurz so etwas wie zu Traurigkeit geronnene Zuneigung auf. Nicht immer war sie so kalt, nein, mit Eilert damals nicht. Jakob Immervoll als dümmlicher Ehemann Jörgen hat qua Handlung einen schweren Stand, kriegt auch das wie immer würdevoll hin. Bezaubernd sind auch die beiden Hausdienerinnen Berte (Jorid Lukaczik und Nathalie Schörken), die längst jeden Lebenssaft verloren haben und wie geklont nur noch herum-robotern und die Wolken entstauben. Sie reichen Hedda schließlich den Revolver. Wenn Traurigkeit und begrabene Sehnsucht so konsequent in Marzipanfarben daher kommen wie in dieser "Hedda Gabler", sieht man sehr gern dabei zu.

© SZ vom 30.09.2019
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