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Volksbühne Berlin:Heftiges Bravsein

Der Schokoladenfabrikant Tattergreis (Ueli Jäggi) lässt sich zum sozialen Kanzler wählen. Links sieht Elisa Plüss zu ihm hoch.

(Foto: Thomas Aurin)

In einem Land vor unserer Zeit: Stefan Pucher inszeniert den monumentalen Roman "legende" von Ronald M. Schernikau als nostalgisches Westberlin-Kabarett.

Uterm Schild der VEB Grenzquell-Brauerei sitzt am rechten Bühnenrand eine Frau mittleren Alters und erzählt von den Freuden des Anfangs: wie sie in die SED eintrat, wie sie einen Mann kennenlernte, dessen Lächeln sie bezauberte, mit dem alles reine Gegenwart wurde. Später wird er in den Westen flüchten und sie, obwohl sie die DDR nie hat verlassen wollen, folgt ihm eines Tages gemeinsam mit ihrem Sohn, Ronald M. Schernikau. Der hat seine Mutter später befragt und daraus das Buch "Irene Binz" verfertigt. Als die "Frau im Kofferraum" tritt Irene Binz auch in seinem großen letzten Werk auf, dem monumentalen Montageroman "legende" (Schernikau liebte aus Bequemlichkeit die Kleinschreibung).

Im Herbst hat der Verbrecher Verlag eine neue, gründliche Ausgabe der "legende" veröffentlicht, 1300 Seiten jenseits selbst der avantgardistischen Konventionen des heutigen Betriebs. Für die Berliner Volksbühne haben der Dramaturg Malte Ubenauf und der Regisseur Stefan Pucher dem Roman eine Bühnenfassung abgerungen. Ellen Schernikau, das Urbild der Irene Binz, kam zur Uraufführung, auch Matthias Frings, der seinem Freund die schöne Lebenserzählung "Der letzte Kommunist" (2009) gewidmet hat, saß im Publikum, neben anderen, die den schwulen, kommunistischen Dichter noch persönlich gekannt hatten. Aber die Welt des Ronald M. Schernikau, der mit 16 der DKP beitrat, später Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins wurde und am 1. September 1989 in die Hauptstadt der DDR, nach Berlin-Hellersdorf übersiedelte, gibt es nicht mehr. Wer Schernikau auf die Bühne bringt, muss ihn verständlich machen, eine Haltung entwickeln, die über die bequeme Aufspaltung in Schriftsteller einerseits und Kommunist andererseits hinausgeht.

Schernikau hat seinen großen Roman noch vollendet, bevor er am 20. Oktober 1991 an den Folgen von Aids verstarb. Sein Anspruch war maßlos, was heute viel zu selten vorkommt. Er war überzeugt, dass die DDR die Zukunft und Westberlin die Vergangenheit verkörpere, daher schrieb er gegen Gang und Geist seiner Gegenwart. Und er schrieb in dem Wissen, dass ihm nicht viel Zeit bleiben würde.

Das alles muss man sagen, denn in der Aufführung ist von Widerständen, Konflikten wenig zu spüren, auch wenn sie immer wieder beschworen werden. Die Bühnenhandlung hat zwei Zentren: die Geschichte vom Schokoladenfabrikanten Anton Tattergreis, der seinen Nachfolger Janfilip Geldsack vergeblich liebt. Der junge Mann, der andere dafür bezahlt, ihn zu unterhalten, will eine Kommunistin heiraten und hofft auf die Abschaffung seiner selbst - nicht als Mensch, aber als Kategorie. Er fordert Anton Tattergreis zur Belebung des Osthandels auf und wirkt, gespielt von Sebastian Grünewald, ebenso fad wie konturlos. Nun, der Osthandel kommt nach Gesprächen mit dem Vertreter der Zukunft, dem Herrn Lange, in Gang, aber Langes Land, wie die DDR hier heißt, geht der Pleite entgegen, während der Schokoladenfabrikant in Westberlin, auf der Insel, sich zum sozialen Kanzler wählen lässt, dann Hausbesitzer wird.

Therese Giehse, Klaus Mann und Ulrike Meinhof schweben als Götter vom Schnürboden herab

Zweiter Mittelpunkt des Geschehens sind vier Götter, die standesgemäß vom Schnürboden herabschweben. Es handelt sich um vergöttlichte Menschen, um die Schauspielerin Therese Giehse, den Schriftsteller Klaus Mann, die Terroristin Ulrike Meinhof und den Kommunisten Max Reimann. Sie versuchen, den Menschen auf der Insel zu helfen, doch es geht damit schlecht voran, obwohl Lydia Königin, stellvertretende Vorsitzende der Kommunistischen Partei, sich alle Mühe gibt.

Stefan Pucher hat Szene für Szene sorgfältig als Parodie eines Lehrstücks inszeniert. Abgesehen von wenigen hellen Momenten, wenn etwa Ueli Jäggi als Tattergreis den Geldsack anschwärmt, bleiben die Schauspielerinnen und Schauspieler verhalten, unter ihren Möglichkeiten, sie sagen Texte auf. Es sind klare, manchmal schöne Texte, aber "legende" ist in dieser Aufführung ums Beste gebracht: um Groteske, Karneval, Lebenslust. Dass nach der Pause dann Lieder von Marianne Rosenberg angestimmt werden, hilft nichts. Der Abend wirkt diszipliniert, schlagwortverliebt, er kommt nur langsam voran und kippt immer wieder in nostalgisches Kabarett, gespielte Witze über Probleme von einst. Man erlebt, um es mit einem variierten Schernikau-Titel zu sagen, die heftige Variante des Bravseins.

Die vermeintliche Zukunft, das Land, kommt überhaupt nur in Gestalt des Herrn Lange mit seinem Funktionärsgesicht vor. So geht es jetzt am Rosa-Luxemburg-Platz mal ausschließlich um einige revolutionären Sehnsüchte des alten Westberlin, aber auch diese werden nur zitiert, man kann sie gut konsumieren, es ist alles nur Gerede, nicht Geste, nicht Verhalten, vielmehr Festhalten an Floskeln. Zwar ist einer der Arbeiter auf der Insel wie der singende Baggerfahrer Gundermann kostümiert, aber daraus folgt nichts, weder für die Handlung, noch für das Spiel. Nach der Pause verendet es in einer Folge von Abschlusserklärungen.

Schernikau schrieb gegen das traurige Einverstandensein, das Gefühl, man könne ja doch nichts verändern, gegen die selbstzufriedene Betrübtheit, gegen den satten Pessimismus. Er setzte dagegen marxistische Orthodoxie, aber eben auch Vergnügen, Camp, Naivität und Frische. Die Inszenierung vermeidet es sorgfältig, ihn mit Geschehnissen seiner Gegenwart oder mit aktuellen Erfahrungen zu konfrontieren. Wozu der Aufwand?

Was der Aufführung fehlt, zeigt das Schlussbild, eine Videoprojektion. Ronald M. Schernikau, selbstverständlich im Abendkleid, mit langen, feinen Haaren, den Rücken zum Spiegel, singt ein Kinderlied, vergisst den Text, bis ihm dann wieder einfällt, wie es weitergeht: "Es lebt der alte Glaube im Menschen unbeirrt, dass siegen wird die Taube und einmal Frieden und einmal Frieden und einmal Frieden wird." Die kurze Einspielung verrät, warum Schernikau so viele bezauberte.

© SZ vom 13.12.2019
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