bedeckt München 27°

Volker Hinz' Bildband "Hello. Again.":Große Farbe

Mehr im Sinn als schöne Aufnahmen: Volker Hinz' Bild "Where are you going".

(Foto: Volker Hinz/Hartmann Projects Verlag)

Jahrzehntelang war Volker Hinz einer der legendären festen Fotografen des "Stern". Ein opulenter neuer Bildband zeigt ihn als großen Bildergeschichtenerzähler.

Von David Pfeifer

Im glücklicheren Fall ist ein Foto der Ausschnitt einer größeren Erzählung. Eine Frau, die sich auf einer Motorhaube sonnt, wartende Cowboys, die auf einem Gatter hocken, ein Schild an der Route 66, am unteren Bildrand vor endlos blauem Himmel fragt ein Schriftzug: "Where are you going?". Es ist eine Geschichte in diesem Bild eingeschrieben, die Frage nach der Freiheit genauso wie der Wunsch nach einer Richtung. Und so lässt man sich also ein auf den Erzähler, der offenbar mehr im Sinn hatte, als schöne Aufnahmen mit nach Hause zu bringen.

Wer den Fotografen Volker Hinz beim Stern erlebt hat, als der noch eine Illustrierte war, im Wortsinn, als es überhaupt noch Illustrierte gab, also Magazine, die sich dem Text und dem Bild gleichermaßen engagiert verschrieben hatten, der wunderte sich nicht, dass Hinz mit Stars gut klarkam. Er warb um sie und konnte umschwärmen. Neuen Ressortleitern hingegen, die ihn nicht kannten oder zumindest nicht sein gesamtes Oeuvre präsent hatten, legte er schwere Bildbände auf den Schreibtisch, um seinen Rang klarzumachen. Ein bisschen Ego musste sein, wenn man den Großen dieser Welt gegenüberstehen und bestehen wollte. Wenn man mehr als ihre Zeit in Anspruch nahm, eher einen kurzen Moment der Zusammenarbeit verlangte. Immerhin zahlte der Stern ja auch viel Geld, um solche Geschichten zu ermöglichen, da wollte man nicht mit schwacher Ausbeute zurückkommen.

Welcher Weltstar lässt einen fremden Fotografen heute noch so nah an sich heran?

Das Gute an dem Bildband "Hello. Again.", der viele bekannte und unbekannte Arbeiten von Volker Hinz bündelt, ist allerdings, dass niemand der Versuchung erlegen ist, ihn nach der Berühmtheit der Porträtierten zu kuratieren. Die Sammlung geht von dem aus, was der Fotografierende gesehen und für interessant befunden hat. Auf seinen Reisen fotografierte Hinz nämlich nicht nur, wofür er beauftragt worden war, sondern auch, was ihm links und rechts am Wegesrand auffiel.

Man lernt also einen anderen Volker Hinz kennen als den, den man beim Stern erleben konnte. Seine Frau, Henriette Väth-Hinz, erzählt in ihrem Vorwort, dass Hinz, der 2019 gestorben ist, seine persönlichen Notizen nach verschiedenen Motiven sortierte. Dass er vieles mit dem Handy fotografierte, auf die Schnelle, als die Geräte gut genug dafür waren. Man kann ja nicht immer gleich die Hasselblad in Stellung bringen.

Volker Hinz - Final

Den Großen der Welt gegenüberstehen: Volker Hinz mit Muhammad Ali.

(Foto: Volker Hinz/Hartmann Projects Verlag)

Als junger Magazinfotograf hatte Volker Hinz Geschwindigkeit gelernt, den Moment nicht vorbeistreifen zu lassen. Auf Reportage sind Fotografinnen und Fotografen häufig angespannt, wenn nicht in Panik, etwas zu verpassen. Die Autorin oder der Autor hat den Stress dann hinterher, wenn ein Text gelingen muss, da saß Volker Hinz schon am Diarondell und führte seine Beute der Chefredaktion und Artdirection vor, es wurde aussortiert, reduziert, verteidigt und gestritten, schließlich die Bildstrecke zusammengestellt.

Unterwegs war Hinz pragmatisch, tat alles für ein gutes Bild und rannte seinen Motiven zur Not hinterher. Erst in der Redaktion konnte er zum Künstler werden, der zehnmal am Tag im Layout aufkreuzte, um zu verhindern, dass seine Arbeit falsch präsentiert wurde oder zu wenig Doppelseiten bekam. Die "große Farbe" wurde das beim Stern genannt, eine wuchtige Bildstrecke am Ende des ersten Heftdrittels, spätestens. Ein Alleinstellungsmerkmal des Magazins über Jahrzehnte.

Volker Hinz hatte nun wie andere Stern-Fotografen das Glück und das Pech gleichermaßen, viele Jahre seines Lebens und Schaffens für das Magazin zu arbeiten. Das ermöglichte ihm Freiheiten, unter anderem war er von 1978 bis 1986 US-Korrespondent, was man dem Buch auch ansieht. Es ersparte ihm aber nicht, den Niedergang der Magazinbranche mitzuerleben, der Stern kauft heute die große Farbe eher ein, als sie im Haus produzieren zu lassen. Bis 2012 blieb Hinz dem Magazin und seiner Hasselblad treu.

Volker Hinz: Hello. Again. Hartmann Projects Verlag, Stuttgart 2021. 192 Seiten, 38 Euro.

Nach den Schnappschüssen zu Beginn des Bandes, die wie Anfangssequenzen eines Roadmovies wirken, folgen viele Porträts von Schriftstellern, Sängerinnen, Stars. Sie sind in Schwarz-Weiß, was der Sache etwas Zeitloses gibt. Die junge Madonna erkennt man kaum, so lange scheint das her zu sein. Pelé und Franz Beckenbauer stehen mit der Mannschaft von New York Cosmos nackt unter der Dusche, sicher eines der bekanntesten Bilder von Hinz. Welcher Verein und welche Weltklassespieler würden einen Fotografen heute noch so nah ranlassen?

Besonders stark sind die Portraits, wenn Hinz gar nicht als Gegenüber wirkt, die Porträtierten also nicht auf ihn reagieren, sondern wenn er nur dabei war und seine Geschichte erzählen konnte. Muhammad Ali beim Autofahren, Pina Bausch beim Besuch des Nightclubs "Area", Grace Jones, auch dort, die von einem ausgestopften Löwen umarmt wird.

So ist das Buch nicht nur voller Schnappschüsse und Porträts, die lässig, weil selbstverständlich wirken, sondern es dokumentiert auch eine vergangene Welt. Die der Magazine mit großen Ansprüchen und Budgets. Der Stars, die sich für einen Moment zur Zusammenarbeit überreden ließen. Und der Chronisten mit Auge und Talent, die mit so viel Zeit und Spesen ausgestattet waren, dass sie etwas schaffen konnten, das die Zeit überdauert.

© SZ/crab/...
Zur SZ-Startseite
Anja Reschke, Werner Herzog

SZ PlusWerner Herzog über Dichtung und Wahrheit
:Lizenz zum Schummeln?

Darf sich jede Filmemacherin auf Werner Herzogs "ekstatische Wahrheit" berufen? Nein, sagt der Meister.

Von Willi Winkler

Lesen Sie mehr zum Thema