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US-Autor Joshua Cohen über das Netz:"Das Internet ist eine Art Psychotherapeut"

Joshua Cohen

"Die Welt ist natürlich ein schlechter Ort": Autor Joshua Cohen.

(Foto: Adam Gong)

"Literarisch genial" finden ihn die einen, als "Beschreibungspedant" bezeichnen ihn Kritiker. Auf dem Literaturfestival spricht US-Autor Joshua Cohen über die Tücken des virtuellen Lebens und seine Zeit in Berlin. Jener Stadt, in der niemand arbeite.

Es steht gleich auf der ersten Seite seines neuen Buches:

"Zwei Jahre nachdem ich mit einem Abschluss in Arbeitslosigkeit von der Uni abgegangen war, bin ich von New York nach Berlin gezogen, um als Schriftsteller zu arbeiten, wobei das nicht ganz stimmt, weil niemand in Berlin arbeitet."

Näher erläutert wird das nicht, obwohl der 34-jährige US-Autor Joshua Cohen durchaus von Berlin erzählen kann. Das tut er auch, ein bisschen, bei der Vorstellung seines Erzählbandes "Vier neue Nachrichten", am Samstagabend beim Literaturfestival in Berlin. "Ausschweifend" sei sein Leben in Berlin gewesen, als er von 2001 bis 2007 als Korrespondent der jüdischen Zeitung Forward arbeitete.

Inzwischen lebt er wieder in New York, ist Buchkritiker für die New York Times und Harper's Magazine. Mit seinem Roman "Witz" sorgte er 2008 für Aufsehen in seiner Heimat: Darin schreibt er von einem nach einer geheimnisvollen Seuche letzten überlebenden Juden, nach dem eine weltweite Hetzjagd einsetzt. In den USA wird er bereits mit David Foster Wallace verglichen und als Nachfolger von Thomas Pynchon gehandelt. Hierzulande loben die einen seinen nun auf Deutsch erschienenen Erzählband als zwar exzentrisch, absurd und kryptisch - "aber literarisch so genial und sprachlich so tiefsinnig, dass man Cohen all das verzeiht" (Spiegel). Andere verreißen ihn als "Beschreibungspedanterie, die kaum mehr lesbar" und zu angestrengt witzig sei (taz).

Die Generation zwischen Digital Natives und Digital Immigrants

Die Zeit sieht vor allem eine große Stärke: "Was 'Vier neue Nachrichten' auszeichnet, ist Cohens einzigartiger Blick auf das Internet und unseren Umgang damit. Weder macht er sich mit einer unter Netzkritikern so beliebten Beschwörung der alten Zeit lächerlich, noch knufft er den sogenannten Digital Natives anbiedernd in die Seite mit allzu viel Insider-Slang." Solche Fabeln über das Online-Leben würden nur wenige Autoren hinkriegen, so die Zeit: "Hören wir also jetzt genau hin."

Das tun wir, als Cohen sich im Haus der Berliner Festspiele ganz anders zeigt als die spärlichen Pressefotos vermuten ließen. Der Bart ist verschwunden, von Schüchternheit keine Spur. Cohen, mit runder Intellektuellen-Brille und cognacfarbener Lederjacke, trägt sehr selbstbewusst ein paar Wortspielchen mit dem Moderator aus. Er liest einige Seiten der ersten Kurzgeschichte auf Englisch vor, danach übernimmt ein Vorleser auf Deutsch.

Schon sind wir mitten drin im Thema: dem Internet und wie es unser Leben verändert. Protagonist "Mono" ist ein halbherziger Drogendealer, der Stoff an gelangweilte Studenten in Princeton vertickt. Nach einer Party hat er ein Problem am Hals: Eine Studentin, die mehr als 30 anonyme Blogs betreut (von "Katerfrühstücksrezepten" bis zu "Filme über coole Nigger, die ich in letzter Zeit gesehen habe"), löst einen Shitstorm gegen ihn aus. Im Netz gibt sie sexuell pikante Details preis (ob diese stimmen, wird nicht ganz klar); sie verrät, dass er dealt - und seinen vollen Namen.

Kontrolle über die Online-Identität

Mit allen Versuchen, die Kontrolle über seine Online-Identität zurückzugewinnen, macht Mono die Sache nur noch schlimmer - bis er das Land verlassen muss. Im Exil trifft er auf den Erzähler vom Beginn, der einst nach Berlin ging, um Schriftsteller zu werden. Der ist inzwischen Millionär geworden, indem er "erwachsen" und ein sehr effizienter Betriebswirt wurde.

Zwischen diesen beiden Hauptmotiven sind alle vier Kurzgeschichten angesiedelt: Erstens das Internet und was es mit uns macht, zweitens die Mühen des Schriftstellerdaseins. Während Letzteres für den Leser bisweilen anstrengend werden kann, weil Cohen sich dabei in Sprachakrobatik verliert, sind die Beobachtungen über die Netzwelt nicht ohne. Neu sind zwar die wenigsten, aber sie sind zu hübschen Metaphern verdichtet. "Das Netz ist wie verschwitzte Schuhe", muss Mono am Ende einsehen, "was da mal drin ist, lebt ewig."

Shortology

Das ganze Leben in vier Symbolen