Süddeutsche Zeitung

US-Autor Joshua Cohen über das Netz:"Das Internet ist eine Art Psychotherapeut"

Lesezeit: 4 min

"Literarisch genial" finden ihn die einen, als "Beschreibungspedant" bezeichnen ihn Kritiker. Auf dem Literaturfestival spricht US-Autor Joshua Cohen über die Tücken des virtuellen Lebens und seine Zeit in Berlin. Jener Stadt, in der niemand arbeite.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Es steht gleich auf der ersten Seite seines neuen Buches:

"Zwei Jahre nachdem ich mit einem Abschluss in Arbeitslosigkeit von der Uni abgegangen war, bin ich von New York nach Berlin gezogen, um als Schriftsteller zu arbeiten, wobei das nicht ganz stimmt, weil niemand in Berlin arbeitet."

Näher erläutert wird das nicht, obwohl der 34-jährige US-Autor Joshua Cohen durchaus von Berlin erzählen kann. Das tut er auch, ein bisschen, bei der Vorstellung seines Erzählbandes "Vier neue Nachrichten", am Samstagabend beim Literaturfestival in Berlin. "Ausschweifend" sei sein Leben in Berlin gewesen, als er von 2001 bis 2007 als Korrespondent der jüdischen Zeitung Forward arbeitete.

Inzwischen lebt er wieder in New York, ist Buchkritiker für die New York Times und Harper's Magazine. Mit seinem Roman "Witz" sorgte er 2008 für Aufsehen in seiner Heimat: Darin schreibt er von einem nach einer geheimnisvollen Seuche letzten überlebenden Juden, nach dem eine weltweite Hetzjagd einsetzt. In den USA wird er bereits mit David Foster Wallace verglichen und als Nachfolger von Thomas Pynchon gehandelt. Hierzulande loben die einen seinen nun auf Deutsch erschienenen Erzählband als zwar exzentrisch, absurd und kryptisch - "aber literarisch so genial und sprachlich so tiefsinnig, dass man Cohen all das verzeiht" ( Spiegel). Andere verreißen ihn als "Beschreibungspedanterie, die kaum mehr lesbar" und zu angestrengt witzig sei ( taz).

Die Generation zwischen Digital Natives und Digital Immigrants

Die Zeit sieht vor allem eine große Stärke: "Was 'Vier neue Nachrichten' auszeichnet, ist Cohens einzigartiger Blick auf das Internet und unseren Umgang damit. Weder macht er sich mit einer unter Netzkritikern so beliebten Beschwörung der alten Zeit lächerlich, noch knufft er den sogenannten Digital Natives anbiedernd in die Seite mit allzu viel Insider-Slang." Solche Fabeln über das Online-Leben würden nur wenige Autoren hinkriegen, so die Zeit: "Hören wir also jetzt genau hin."

Das tun wir, als Cohen sich im Haus der Berliner Festspiele ganz anders zeigt als die spärlichen Pressefotos vermuten ließen. Der Bart ist verschwunden, von Schüchternheit keine Spur. Cohen, mit runder Intellektuellen-Brille und cognacfarbener Lederjacke, trägt sehr selbstbewusst ein paar Wortspielchen mit dem Moderator aus. Er liest einige Seiten der ersten Kurzgeschichte auf Englisch vor, danach übernimmt ein Vorleser auf Deutsch.

Schon sind wir mitten drin im Thema: dem Internet und wie es unser Leben verändert. Protagonist "Mono" ist ein halbherziger Drogendealer, der Stoff an gelangweilte Studenten in Princeton vertickt. Nach einer Party hat er ein Problem am Hals: Eine Studentin, die mehr als 30 anonyme Blogs betreut (von "Katerfrühstücksrezepten" bis zu "Filme über coole Nigger, die ich in letzter Zeit gesehen habe"), löst einen Shitstorm gegen ihn aus. Im Netz gibt sie sexuell pikante Details preis (ob diese stimmen, wird nicht ganz klar); sie verrät, dass er dealt - und seinen vollen Namen.

Kontrolle über die Online-Identität

Mit allen Versuchen, die Kontrolle über seine Online-Identität zurückzugewinnen, macht Mono die Sache nur noch schlimmer - bis er das Land verlassen muss. Im Exil trifft er auf den Erzähler vom Beginn, der einst nach Berlin ging, um Schriftsteller zu werden. Der ist inzwischen Millionär geworden, indem er "erwachsen" und ein sehr effizienter Betriebswirt wurde.

Zwischen diesen beiden Hauptmotiven sind alle vier Kurzgeschichten angesiedelt: Erstens das Internet und was es mit uns macht, zweitens die Mühen des Schriftstellerdaseins. Während Letzteres für den Leser bisweilen anstrengend werden kann, weil Cohen sich dabei in Sprachakrobatik verliert, sind die Beobachtungen über die Netzwelt nicht ohne. Neu sind zwar die wenigsten, aber sie sind zu hübschen Metaphern verdichtet. "Das Netz ist wie verschwitzte Schuhe", muss Mono am Ende einsehen, "was da mal drin ist, lebt ewig."

Cohens Texte erzählen davon, wie eine persönliche Sache Allgemeingut wird und von der Öffentlichkeit wieder auf das Individuum zurückstrahlt - mit teils unabsehbaren, teils verstörenden, manchmal verheerenden Folgen.

Der Protagonist der zweiten Kurzgeschichte, "McDonald's", wird von seinem Arbeitgeber verwarnt, weil er während einer Pinkelpause eine Rechercheseite auf seinem PC offen lässt. In "Uni-Bezirk" hat ein Paar Angst davor, Restaurants zu besuchen, die noch nicht im Internet bewertet wurden. Und in der Kurzgeschichte "Gesendet" trifft ein Journalist in einer märchenhaften Wirklichkeit auf all seine Lieblings-Pornodarstellerinnen aus dem Netz.

"Diese Frauen", sagt der Autor in Berlin, würden von dem Mädchenfänger, der sie filmt (und dessen Charakter einer wahren Geschichte entnommen ist), "auf die schrecklichste Art und Weise unsterblich". Das Netz ermögliche es Einzelnen, eine teils überbordende Macht auszuüben.

"Das Internet verändert uns"

Ist Cohen, der in Berlin so lässig rüberkommen will, also ein strenger Kritiker des Internets? Danach gefragt, ob seine Kurzgeschichten, die allesamt auch von menschlichen Verfehlungen handeln, Ausdruck einer schlechten Welt seien, antwortet der Autor: "Die Welt ist natürlich ein schlechter Ort. Aber wir brauchen nicht das Internet, um das zu beweisen."

Auch wenn das Netz nicht immer gleich Menschenleben ruiniert - es habe längst gesellschaftliche, soziale und auch individuelle Veränderungen geschaffen, sowohl was unsere Arbeit angehe, als auch unser Liebesleben, den Sex, die Familie und Zukunftspläne. Ergo: Es verändere unsere gesamte Identität.

"Heutzutage erlaubt uns die Technologie, dass wir wahnsinnig viel wissen über Menschen: was sie essen, was sie trinken, wo sie einkaufen, mit wie vielen Sternen sie welches Essen bewerten - jeden Scheiß wissen wir über Menschen", so Cohen. "Aber die eigentlichen Vorgänge im Inneren eines Menschen kann man nur kennenlernen, wenn man über ihn in der Literatur liest, oder wenn man ihn persönlich kennenlernt. Die Technologie erlaubt uns, wenig zu wissen über den Menschen. Und sein Herz."

"Dinge, die tatsächlich einen Wert haben"

Deshalb sei es auch ein Problem, dass das Internet das Schreiben - und Lesen - verändere. "Literatur kann dazu beitragen, etwas über die menschliche Natur zu lernen, das man in der Schule nicht beigebracht bekommt." Im Internet werde aber viel Quatsch gelesen und wenig gute Literatur.

Ob das Internet der neue Gott sei, wird Cohen noch gefragt von dem mittlerweile recht verwirrten Moderator. Nur, wenn ich einen Gott suche, antwortet er. "Was ich im Netz finde, ist, was ich suche. Insofern ist das Internet eine Art Psychotherapeut", beschließt Cohen die Lesung. Die Besucher - vor allem Frauen, altersmäßig überwiegend dies- und jenseits des Arbeitslebens - strömen aus dem vollbesetzten Raum, um Cohens Buch zu kaufen. Und sich die Sache mit dem Internet doch noch mal genau erklären zu lassen.

Und was ist nun mit Berlin, wo angeblich niemand arbeitet? Eine klitzekleine Erklärung liefert womöglich eine Passage aus der Drogendealer-Erzählung:

"Sein Job hatte nichts mit der Ideenwirtschaft zu tun, die angeblich unser Land retten soll, weil wir aufgehört haben, konkrete Dinge zu produzieren, die tatsächlich einen Wert haben."

Das ist zwar auf Amerika bezogen, aber für Berlin auch nicht ganz falsch.

Der Autor ist bis Ende Oktober auf Lesereise in Deutschland, u.a. am 17. September in Frankfurt und am 14. Oktober in München, weitere Infos hier.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2129749
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.