bedeckt München 20°

Bücher über Nachhaltigkeit:Sind Trends wie Lust am Kaufen wirklich neu?

Eine Erörterung verdient gehabt hätte der Kernpunkt des Streits übers Wachstum: Bislang hängen Rentenversicherung, Arbeitsmarkt oder auch der Umgang mit der Staatsverschuldung am Wachstum. Es sind also Alternativkonzepte etwa für Arbeit und Rente vonnöten - wohlgemerkt für die ganze Welt und nicht bloß für einige Aussteiger. Bisher kneifen Wissenschaft und Politik nahezu einhellig vor dieser Debatte, bis hin zu den Grünen. Hier und auch sonst öfters hätte man sich mehr Konkretheit und Mut wünschen können, sich auch mal dezidiert unbeliebt zu machen. In der jetzigen Form würden von Merkel bis Siemens wohl fast alle den Wuppertalern weitgehend zustimmen.

Material Matters
Thomas Rau, Sabine Oberhuber

Thomas Rau, Sabine Oberhuber: Material Matters. Econ-Verlag, Berlin 2018. 224 Seiten, 20 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Interessant wäre es gewesen, den Nachhaltigkeitsdiskurs stärker historisch einzuordnen. Erst so zeigt sich auch, ob bestimmte menschliche Verhaltensweisen quasi Naturkonstanten sind oder einer bestimmten Kultur einschließlich ihrer Ökonomie geschuldet sind. Ob etwa aktuelle Trends wie die Lust am Kaufen oder das Gestresstsein in der Leistungsgesellschaft wirklich so grundlegend neu sind, lässt sich durchaus hinterfragen. Insgesamt hätte stärker erörtert werden können, was Menschen - also Politiker, Manager, Konsumenten - so alles antreibt. Dann hätte sich auch gezeigt, dass moralische Ideale, auf die Schneidewind hofft, uns im Alltag oft wenig kümmern.

Einen einfacheren Zugang zur Nachhaltigkeit präsentiert ein neues Buch von Thomas Rau und Sabine Oberhuber. Von der Architektur herkommend, präsentieren sie Ideen für ein Wirtschaftsmodell, in dem der Konsument nicht länger Eigentümer, sondern Benutzer ist und Abfälle der Vergangenheit angehören. Häuser oder Autos würden dann nicht mehr gekauft, sondern nur noch gemietet. Und auch Glühbirnen und Strom würden nicht käuflich erworben, sondern "Beleuchtung" als Dienstleistung. Damit entstünde bei den Produzenten womöglich ein riesiges Interesse an Energie- und Ressourceneffizienz. Wegwerfgesellschaft und schnell kaputt gehende Güter wären am Ende.

Mieten statt kaufen ist als Idee indes nicht so neu, wie es Rau und Oberhuber glauben machen. Und als Hauptinstrument der Nachhaltigkeit taugt der Ansatz kaum. Auch Mieter können Dinge schlecht behandeln - oft tun sie das sogar mehr als Eigentümer, wie man heute teils bei Wohnungen beobachten kann. Außerdem lassen sich zentrale ökologische Problembereiche wie Ernährung oder Flugreisen nicht sinnvoll als Miete konzipieren.

Sehr viel aussichtsreicher erscheint es da, Ressourcen wie fossile Brennstoffe deutlich teurer zu machen. Von beiden Büchern nur am Rande gewürdigt, erscheint dies als mögliches Kerninstrument zur Lösung diverser Umweltprobleme vom Klimawandel über den Biodiversitätsverlust bis hin zu gestörten Stickstoffkreisläufen. Gleichwohl geben Rau / Oberhuber und Schneidewind viele gute und wichtige Denkanstöße. Noch zugänglicher hätte das Ganze jeweils durch deutlich mehr Kürze werden können, die verlustfrei möglich gewesen wäre - und durch eine klarere Entscheidung, ob eher Kenner oder doch jeder die Werke lesen soll.

Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und lehrt an der Uni Rostock.

Lesen Sie außerdem mit SZ Plus:
Nachhaltigkeit Gutes von gestern

Umweltschutz

Gutes von gestern

Nachhaltigkeit? Heute geht es vor allem um Ego und Lifestyle - und nebenbei um die Rettung der Welt. Dabei war es schon mal ganz selbstverständlich, nicht blind zu verbrauchen.   Von Karin Janker