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Poschardt-Sachbuch "Mündig":Die Nachhaltigkeit des Hermès-Accessoires

Ulf Poschardt Chefredakteur der Zeitung Die Welt am 15 03 18 in seinem Buero im Axel Springer Hoc

Ulf Poschardt in seinem Büro im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin

(Foto: imago/epd)

"Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt hat eine Verhaltenslehre für zeitgemäße Liberale entworfen. Und zelebriert Mündigkeit als Style. Why not!

Von Gustav Seibt

Eins der vielen schönen Zitate in Ulf Poschardts Traktat "Mündig" stammt von Peter Sloterdijk. Freiheit sei, so der Philosoph, "nur ein anderes Wort für Vornehmheit, das heißt für die Gesinnung, die sich unter allen Umständen am Besseren, am Schwierigeren orientiert, eben weil sie frei genug ist für das weniger Wahrscheinliche, das weniger Vulgäre, das weniger Allzumenschliche". Ein großes Wort! Und eins, das mit dem Befund der Begriffsgeschichte übereinstimmt, die den Liberalismus aus der Liberalitas der Fürsten, einer allseitigen Großzügigkeit hervorgehen lässt, eingeschlossen die Gelassenheit bei Widerspruch und Opposition.

Liberalismus wird sonst meist von den Freiheitsrechten her konstruiert, Abwehrrechten einerseits (die Freiheit von etwas), positiven Rechten andererseits (die Freiheit zu etwas, zur Selbstverwirklichung, zur Politik). Das antagonistische Philosophinnenpaar Judith Shklar und Hannah Arendt steht für zugespitzte, tiefgründig durchdachte Versionen dieser sich gar nicht ausschließenden Freiheitsbegriffe. Für Shklar ist die grundlegende Freiheit, auf der alles andere beruht, die Freiheit von Furcht, gesichert in der Herrschaft des Rechts; für Arendt beginnt Freiheit erst mit den Möglichkeiten, die die Freiheit, frei zu sein, bietet, nämlich mit dem Selbstausdruck des Menschen als sozialem und politischem Wesen. Das ist die alte Freiheit des Polisbürgers.

Diese Vorstellung von Mündigkeit feiert das gefährliche Leben, das Subjektive, das Rauschhafte

Das Ideal der Mündigkeit, das der Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt nun in die Runde wirft, hat mit beiden Versionen zu tun, setzt aber beim Individuum an, Max Weber hätte gesagt: beim Menschentyp. Kants Postulat der Vernunftautonomie (als Vermögen und Mut, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen), Adornos Verlangen nach Ich-Stärke, die es dem Einzelnen erlaubt, sich den Kollektiven zu entziehen und "nicht mitzumachen", bleiben beständige Referenz. So weit, so naheliegend.

Poschardt, der glitzernde Hallodri, will natürlich mehr. Seine Vorstellung von Mündigkeit feiert das gefährliche Leben (eine Referenz zu D'Annunzio wäre angezeigt gewesen), das Radikale, Subjektive, Rauschhafte, die Unerschrockenheit, den Unternehmergeist der ursprünglichen Akkumulation, aber auch die Selbstexperimente mit jesuitischer Strenge. Altbackene Begriffe wie "unangepasst" und "aufmüpfig" wirken dagegen wie Spießervarianten: Mündigkeit im Billigmarkt, ähnlich jenem "Privatgebrauch der Vernunft", dem kleinteiligen Widerstand in den Apparaten, den Kant ausdrücklich vom öffentlichen Gebrauch der Intellektuellen abhob und für unstatthaft erklärte.

Auch Poschardt kann sich auf die Genealogie des Bürgerlichen berufen, das höfischen Stil kopierte, aber aus ständischen und zünftigen Zwängen ausbrach, das die geistige und wirtschaftliche Selbständigkeit erstrebte, um heute in die nun allerdings doch recht kleinteilige Gesellschaft der Singularitäten zu münden.

Zum mündigen Mut gehört auch, sich einfach mal unangestrengt das Konventionelle zu erlauben

Mündigkeit als Style, als Geste, als emotionale Vertiefung, als positiver Stress? Why not! "Drift" lautet Poschardts zweites Lieblingswort, es meint Schwung, Flow und eigene Bahn, eine Melodie des Daseins. Habe Mut, dich deines eigenen Geschmacks zu bedienen! Wage es, unbedenklich zu sein. Nun ist Poschardt viel zu schlau, um daraus eine kleinliche Doktrin zu machen. Zum mündigen Mut gehört es auch, sich einfach mal unangestrengt das Konventionelle zu erlauben.

Kurzum, auch hier geht's um Feinheiten und Distinktionen, die Sache hat eine lebensweltliche Ausfaltung, die in ein Vademecum für den gehobenen Mündigkeitsgebrauch führt. Poschardts Buch ist in seinen besten Teilen ein ausdifferenzierter Stichwortgeber und Stilratgeber für alle möglichen Adressaten, die kapitelweise angesprochen werden: Intellektuelle, Konsumenten, Unternehmer, Liberale, Linke, Mann und Frau (schade, dass der Konservative fehlt).

Sie alle haben Befreiungs- und Vitalisierungschancen, und wenn der Spirit einmal geweckt ist, dann kann man dieses gut designte Buch auch wie eine Installation benutzen oder als Losungsbuch mit vielen ästhetischen Exkursen, das einen mit dem liberalen Morgensegen stärkt. Klar, das hat auch politische, antipopulistische Implikationen, die Poschardt herzhaft thematisiert.

"Die Wohnung inhaftiert ihre Bewohner: Gefängniszellen für ein besseres Leben"

Wie der erweiterte Mündigkeitsbegriff funktioniert, zeigt vielleicht am schönsten der Abschnitt zum mündigen Konsumenten. Wer dabei in erster Linie an die Abwägungen am Supermarktregal ("isch des bio?") denkt, irrt. Nachhaltigkeit, weiß Poschardt, zeigt sich nicht im fair getradeten Büßerkleid mit Sackoptik, sondern im Hermès-Accessoire, das vererbt werden kann. Man darf auf engstem Raum wohnen, oft geht es ja nicht anders, dafür soll das Arrangement des Interieurs "konzeptstorig" sein. Doch droht hier schon Gefahr: "Penibel gestaltet die Creative Class - all die Türsteher, Designer, Clowns, Dramaturgen, ProfessorInnen und Journalisten - ihr kleines Reich als inoffizielle Botschaft der Boutique ihrer Wahl. Die Mid-Century-Moderne, ob in dänischer oder amerikanischer Ausprägung, ist das neue Biedermeier." Verzwergung droht. "Die Wohnung inhaftiert ihre Bewohner: Gefängniszellen für ein besseres Leben."

Mündigkeit bleibt also anstrengend, als unentwegte Bemühung, "radikal Einzelner" zu sein. Gut, dass man es auch mal lassen kann, Vornehmheit soll ja einst etwas mit Unaufdringlichkeit zu tun gehabt haben. Dass solche gut geduschte Steppenwolfhaftigkeit auch materielle Voraussetzungen hat, etwa die elementaren Sicherungsleistungen des Sozialstaats, ist so geschenkt wie es unthematisiert bleibt. Wenn die kreative Klasse in der Krise keine Putzjobs übernehmen muss, sondern Soloselbständigenhilfe in Anspruch nehmen kann, dann verdankt sie das kollektivistischeren Formen der Freiheitssicherung.

Zur Vornehmheit aber, dem schönen Motiv Sloterdijks, wäre noch dies zu sagen: Vornehm ist es auch, seine Rechte nicht bis zum letzten auszuspielen, nicht jedes Verbot als Zumutung zu begreifen, nicht auf jeder Autobahn ohne Tempolimit ins Gaspedal zu treten. Dass der politische Liberalismus in Deutschland sich zuletzt nicht einmal mehr als Lobbymacht gezeigt hat, sondern als Auspuff- und Schnitzelliberalismus, der sich gar nichts sagen lassen will, das ist, was Ulf Poschardt bestimmt nicht sein will: vulgär.

Ulf Poschardt: Mündig. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020. 270 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 22.04.2020
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