Krieg in der Ukraine:"Ein unersetzlicher Verlust"

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Krieg in der Ukraine: Auf ihren Bildern geht alles immer gut aus: Marija Prymatschenkos "May I Give This Ukrainian Bread To All People In This Big Wide World" (1982).

Auf ihren Bildern geht alles immer gut aus: Marija Prymatschenkos "May I Give This Ukrainian Bread To All People In This Big Wide World" (1982).

(Foto: Maria Prymachenko)

Die Raketen, die das Museum in Iwankiw zerstörten, vernichteten auch Werke von Marija Prymatschenko, einer der liebenswürdigsten Menschen der ukrainischen Kunstgeschichte.

Von Catrin Lorch

Die Raketen, die am vergangenen Montag das Museum in Iwankiw zerstörten, hätten niemand Liebenswürdigeren treffen können. Denn wie es heißt sind bei dem Angriff der russischen Armee 25 Bilder von Marija Prymatschenko verbrannt. "Ein unersetzlicher Verlust", sagte die Direktorin des Kulturreservats Wlada Litowschenko.

Die im Jahr 1908 in Bolotnja im Gouvernement Kiew geborene Bäuerin ist eine der bekanntesten und beliebtesten Volkskünstlerinnen in der Ukraine überhaupt, ihre strahlend bunten, naiven Motive zieren dort Briefmarken, eine Gedenkmünze erinnert an die Künstlerin, die 800 Werke hinterließ, darunter auch Stickereien, Krüge und Keramikteller. Als kleines Mädchen erkrankte Marija Pymatschenko an Kinderlähmung und wurde zum Gänsehüten allein aufs Feld geschickt. Sie habe dabei erstmals an einem Flussufer, überwältigt von der Schönheit wilder Blumen, mit einem Stock in den Sand gezeichnet und danach sofort die Mauern des Elternhauses mit Pigment überzogen, erzählte sie selbst zeitlebens. "Danach habe ich niemals wieder aufgehört."

Picasso verneigte sich auf der Weltausstellung vor ihr

Ihre Motive sind freundlich, ihr Stil naiv. Über hellen Malgrund traben grüne Nashörner und blaue Ochsen. Marija Prymatschenko porträtiert Kühe mit langen Wimpern, verschlingt märchenhafte Fantasie-Blumen zu Alleen, zieht Bauern bunte Trachten an. In ihrer folkloristischen, klar konturierten Welt darf das Gute triumphieren - und zwar in leuchtenden Primärfarben: Prymatschenko kombiniert sonniges Gelb, klares Blau, traditionelles Leuchtrot. Die reinen Farben kontrastieren so wirkungsvoll miteinander wie Stickereien auf Blusenleinen oder der Lack mit dem Holz von Bauernschränken. Vor allem in der Frühzeit gelingen ihr zudem spannungsvolle Kompositionen, die nur wenig mit traditionellen Formfindungen oder naiver Malerei zu tun haben.

Krieg in der Ukraine: Das "Erbsenmonster" von Marija Prymatschenko schaffte es im Jahr 1971 auf offizielle ukrainische Marken.

Das "Erbsenmonster" von Marija Prymatschenko schaffte es im Jahr 1971 auf offizielle ukrainische Marken.

(Foto: Wikimedia Commons)

Im Westen ist der Name Marija Prymatschenko kaum bekannt, kunsthistorisch interessierte an der Ukraine - wenn überhaupt - vor allem die sowjetische Avantgarde, der Suprematismus und die Revolutionskunst. Deren wichtigster Vertreter Kasimir Malewitsch wurde als Sohn polnischer Eltern in Kiew geboren. Viele Künstler der international vernetzten, reisefreudigen Zwanzigerjahre stammten aus der Ukraine oder lebten und arbeiteten in den großen Städten wie Kiew, Odessa oder Charkiw, beispielsweise Sonja Delaunay oder Andrea Exter. Der Aufstieg der einfachen Bäuerin Marija Prymatschenko zur geachteten Künstlerin fiel dagegen in eine Zeit, in der die kunsthistorisch so bedeutende Revolutionskunst unter Stalin diffamiert und verfolgt wurde.

Maria Prymatschenko wurde im Jahr 1936 zur ersten republikanischen Ausstellung für Volkskunst eingeladen, man räumte ihr auf den Stationen in Moskau, Leningrad und Warschau einen eigenen Saal ein. Am Ende erhielt sie für die Teilnahme ein Diplom ersten Grades und wurde 1937 zur Weltausstellung nach Paris geschickt, wo sich sogar Picasso "vor dem künstlerischen Wunder" mit dem straff gebundenen Kopftuch verneigte.

In Kiew kamen bislang Touristen, die das berühmte Höhlenkloster besuchten, an der Dauerausstellung der im Jahr 1997 gestorbenen Künstlerin im "Nationalen Museum der ukrainischen dekorativen Volkskunst" kaum vorbei. Das Jahr 2009 wurde von der Unesco zum Jahr von Maria Prymatschenko ausgerufen. In Japan werden Schulfibeln mit ihren Bildern illustriert, in Deutschland wurde sie im Zuge einer Begeisterung für die Werke der Outsider und Autodidakten wieder gewürdigt, zuletzt mit einer Ausstellung "Meine Welt" in der Kommunalen Galerie in Berlin im Jahr 2000.

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