Türkische Chronik (XXIII) Der Todeskampf des türkischen Schulsystems

Indoktrinierung statt Freiheit - bald in allen Klassenzimmern? Eine Mittelschule in der Provinz Van, im äußersten Osten der Türkei.

(Foto: Alamy/mauritius images)

Schulen werden islamisiert, die Evolutionslehre wird aus den Lehrplänen gestrichen: Die säkulare Türkei gehört der Vergangenheit an.

Gastbeitrag von Yavuz Baydar

Diese Tage sind lange her, fast vergessen. Es war in den späten Sechzigerjahren. In einem Gymnasium in Eskişehir, einer anatolischen Industriestadt, habe ich mit einem Schulfreund Zeit außerhalb der Klasse verbracht, ohne unsere Mitschüler. Mein Freund hieß Haluk, glaube ich - ein stiller, bedachter Junge.

Es war noch die "alte Türkei", die beharrlich daran arbeitete, ein säkulares Leitbild in der Gesellschaft zu verankern, ganz im Sinne des Gründers der Republik, Mustafa Kemal Atatürk. In den Grundschulen wurde Religion nicht unterrichtet. Später durfte man selbst wählen, ob man den Religionsunterricht besuchen möchte.

Zur Person

Yavuz Baydar ist kein Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, sondern ein türkischer Gastautor. Er wurde 1956 geboren und ist Journalist, Blogger und Mitgründer von P 24, einer unabhängigen Medienplattform in Istanbul. Für seine Arbeit wurde er 2014 mit dem European Press Prize ausgezeichnet. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Für die SZ schreibt regelmäßig Gastbeiträge.

Ich erinnere mich daran, mit meinen Eltern darüber gesprochen zu haben. Mein Vater sagte: "Es ist deine Entscheidung, aber verbring die freien Stunden mit etwas Nützlichem. Mach keinen Unsinn." Diese Haltung war normal in säkularen Familien und hat sich später in ganz Anatolien verbreitet. Niemand hat versucht, uns Kinder davon zu überzeugen, den Religionsunterricht zu besuchen. Nur ein einziges Mal traf uns der Lehrer, ein sanftmütiger Mann mittleren Alters, kichernd auf dem Gang, bevor er das Klassenzimmer betrat, und fragte uns freundlich: "Seid ihr euch sicher? Wenn ihr eure Meinung ändert, seid ihr jederzeit willkommen ..."

Im Leben nicht, dachten wir uns, und hatten eine großartige Zeit. Draußen.

Als die AKP ihren Kurs radikal umkehrte, schien es niemanden mehr zu kümmern

Über Jahrzehnte erhielt die Türkei dieses System aufrecht, trotz politischer und sozialer Krisen, die das Land beutelten, bis zum Militärputsch im Jahr 1980. Es waren die Generäle, die in ihrem Vorhaben, die gesamte Linke des Landes zu zerstören, entschieden, "den Feind des Feindes" zu besänftigen, nämlich die fromme, stille, kulturell konservative Mehrheit des Landes. Dies geschah, indem ein verpflichtender Religionsunterricht eingeführt wurde, was natürlich mit großem Entzücken beantwortet wurde. Das war auf gewisse Art und Weise der Anfang vom Niedergang der säkularen Türkei. Eine graduelle, aber entschiedene Islamisierung der Schulbildung, die sich seit etwa dem Jahr 2010 noch beschleunigt hat.

Damals musste sich die islamisch-konservative AKP-Regierung noch vorsichtig verhalten. Sich den "Kopenhagener Kriterien" für einen EU-Beitritt anzupassen, bedeutete, sich an die Europäische Menschenrechtskonvention zu halten, was einen äußerst umsichtigen Umgang mit dem Glauben oder Nicht-Glauben des Individuums erfordert.

Als die AKP ihren Kurs nach den Wahlen 2011 schließlich radikal umkehrte, schien es niemanden mehr zu kümmern. Die Religionsbücher wurden geschickt so verändert, dass die sunnitischen Lehren darin dominierten, und der verpflichtende Religionsunterricht wurde zu einer Tortur für alevitische Eltern wie auch für urban-säkulare, nicht-gläubige, atheistische, agnostische Familien oder solche, die kulturelle Muslime waren, den Glauben aber nicht praktizierten.

In der Hauptsache waren es Aleviten, die im letzten Jahrzehnt mehrmals versuchten, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gegen die türkische Regierung zu klagen, mit der Forderung, die freie Wahl beim Religionsunterricht wieder einzuführen - sie bezogen sich damit auf die gängige Praxis in vielen anderen EU-Staaten. Der EGMR gab ihnen in jedem Fall recht.