Türkisches Tagebuch (I):Zusammengewürfelter Haufen aus sehr unterschiedlichen Strömungen

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Dann besetzten Truppen den staatlichen Rundfunksender, so wie man das wohl im Kalten Krieg gemacht hätte, und zwangen eine Nachrichtensprecherin dazu, ein langes Manifest zu verlesen, in dem die Putschisten den Kampf gegen die Korruption und eine Rückkehr zur Demokratie versprachen.

Als auf dem Höhepunkt des Chaos in Ankara das Parlamentsgebäude bombardiert wurde, während Soldaten auf den Sender CNN Türk in Istanbul schossen, war die Verwirrung perfekt.

Wer waren diese Offiziere? Alle offiziellen Analysen kamen zu dem Schluss, dass die Bewegung um den in Amerika lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen dahintersteckt, einen einstigen Weggefährten Erdoğans.

Aber wenn man bedenkt, wie viele Soldaten in dieser Nacht unterwegs waren und wenn man ihr Manifest ernst nimmt, dann spricht vieles dafür, dass wir es mit einem zusammengewürfelten Haufen aus sehr unterschiedlichen Strömungen zu tun haben.

Es ist bekannt, dass die Syrienkrise und der Krieg gegen die kurdische PKK die Armee tief gespalten haben. Der Journalist Metin Gürcan schrieb, die Aufständischen unterteilten sich in drei Hauptgruppen. Neben den Gülen-Anhängern gebe es sehr viele Kemalisten und schließlich auch Opportunisten, die nur hofften, sich auf die Seite des zukünftigen Siegers geschlagen zu haben.

Erdoğan wird ein autokratisches System einführen

Ohne jeden Zweifel hat der Putschversuch Erdoğan sozusagen auf dem Silbertablett einen Vorwand geliefert, jetzt all das zu tun, was er immer schon tun wollte. Er wird mit harter Hand ein autokratisches System einführen und alle oppositionellen Kräfte radikal aus dem Weg räumen.

Die ersten Reaktionen am Wochenende haben das gezeigt: 3000 Richter und Staatsanwälte - das ist beinahe ein Fünftel aller Richter und Staatsanwälte des Landes - wurden innerhalb weniger Stunden aus dem Dienst entlassen. Gegen 188 Richter des Obersten Gerichtshofs wurde Haftbefehl erlassen. Viele von ihnen sind Aleviten, Kemalisten, Linke, Nationalisten oder auch Mitglieder der Gülen-Bewegung. Der Putschversuch führt also dazu, dass Erdoğan nun grünes Licht hat, nicht nur die Medien endgültig unter seine Kontrolle zu bringen, sondern auch echte oder vermeintliche Gegner aus der Justiz und dem Militär entfernen zu lassen. Darin liegt das traumatisierende Moment für dieses Land. Nach diesem historisch einmaligen Wahnwitz können wir unsere Sehnsüchte nach demokratischen Strukturen begraben.

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