"Tore tanzt" im Kino Was können sie dir schon tun?

Julius Feldmeier als Tore in einer Szene des Kinofilms "Tore tanzt".

Eine ganze Menge, wie sich zeigt. Regisseurin Katrin Gebbe rekonstruiert in ihrem unerschrockenen Kinodebüt "Tore tanzt" einen Fall von Sadismus und Sklaverei in Deutschland - ganz ohne Betroffenheit zu heucheln.

Von David Steinitz

Glaube, Liebe und Hoffnung heißen die drei Kapitel des Films. Und bevor irgendwo zwischen Liebe und Hoffnung eine Folterorgie beginnt, repariert zunächst einmal der Glaube ein Auto. Lockenkopf Tore legt seinen Kopf auf die Motorhaube des Familienwagens, der an einer Raststätte nicht mehr anspringen will, und betet für die vier Insassen, die eigentlich nur ein Starterkabel von ihm borgen wollten, nach ganz oben: "Bitte hilf uns, das wäre fett." Die Familie im Auto starrt den fremden Jungen ungläubig an, trotzdem dreht der Vater vorsichtshalber den Zündschlüssel - und siehe da, es brummt.

"Tore tanzt", das Langfilmdebüt der Hamburger Regisseurin Katrin Gebbe, war in diesem Jahr der einzige deutsche Beitrag im offiziellen Programm von Cannes, in der Reihe "Un certain regard". Dort hat der Film, der als skurriler Religionsdiskurs beginnt und sich dann zur Gewaltstudie entwickelt, bereits heftige Diskussionen entfacht.

Zum Kinostart fällt die Geschichte um einen jungen Mann, der von einer Familie missbraucht und versklavt wird, jetzt mit einer aktuellen Debatte um moderne Sklaverei zusammen, nachdem sich in der vergangenen Woche in London drei Frauen befreien konnten, die über Jahrzehnte von einem Ehepaar gefangen gehalten wurden. Wie der aktuelle Fall wirft auch der Film die Frage auf, wie in einer modernen westlichen Gesellschaft eine solche Form der Unterwerfung noch möglich sein kann.

So mancher Problemfilm wiederholt den emotionalen Missbrauch

Tore (Julius Feldmeier) ist ein spindeldürrer Jüngling, der merkwürdig heimat- und herkunftslos durch Hamburg streunt und den, wie so manches Findelkind des Kinos, ein sanfter Autismus umweht. Er hat sich den "Jesus Freaks" angeschlossen, die einen Mix aus Christentum und Punk praktizieren. Als er sich mit seinem WG-Kumpel überwirft, weil der lieber vögeln als missionieren will, kommt er im Schrebergarten der Familie unter, der er kurz zuvor das Auto funktionstüchtig gebetet hat - der Vater (Sascha Alexander Gersak) lädt ihn augenzwinkernd ein, im Garten ein Zelt aufzuschlagen.

Auch wenn die Religionsdiskussionen, die sich Vater, Mutter, Teenie-Tochter und der kleine Sohn mit Tore bei Bratwurst und Bier liefern, etwas banal klingen, lenkt Gebbe mit diesem Einstieg geschickt davon ab, was hier eigentlich passieren wird. Und vermeidet die Betroffenheitsdidaktik, mit der so mancher Problemfilm in ähnlicher Tradition gerne über seine Zuschauer herfällt und damit den emotionalen Missbrauch fast wiederholt.

Auf reale Fälle von Sadismus, Folter, Macht und Unterwerfung hat gerade das deutschsprachige Nachwuchskino in den vergangenen Jahren aktiv reagiert - in teils hyperrealistischen, teils hyperstilisierten Filmen. "Picco" verarbeitete Ereignisse aus einem Jugendgefängnis, in dem ein Insasse zu Tode gefoltert wurde. "5 Jahre Leben" erzählte von der Folter des Murat Kurnaz in Guantanamo. "Michael" reagierte auf die österreichischen Kerkermeister Josef Fritzl und Wolfgang Priklopil. Und schließlich folgte in "3096" in diesem Jahr noch der Versuch, das Martyrium der Natascha Kampusch in Mainstream-Kino zu verwandeln.

"Tore tanzt", der ebenfalls auf einer wahren Begebenheit beruht, unterscheidet sich von diesen Filmen, denen auch mal Gewalt- oder Betroffenheitspornografie oder beides vorgeworfen wurde, nicht in der Lust am Schauen, aber in anderer Hinsicht. In den genannten Beispielen entstand der Sadismus immer aus einer Extremsituation heraus - eingesperrt im Jugendknast, verschleppt ins Gefangenenlager, im Keller weggesperrt. Über Kategorien wie Täter oder Opfer, Gut oder Böse gab es nicht mehr viel zu diskutieren.