Top Ten ausschließlich deutschsprachig:Einwanderungsland zum Sprechen gebracht

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Marteria alias Marsimoto (bürgerlich Marten Laciny) im Juni 2015 beim Hurricane Festival im niedersächsischen Scheeßel.

Er singt tatsächlich geläufiges Deutsch: Der Sänger Marteria alias Marsimoto (bürgerlich Marten Laciny) im Juni 2015 beim Hurricane Festival im niedersächsischen Scheeßel. In den Album Charts rangiert er mit "Ring der Nebelungen" derzeit auf Position drei.

(Foto: dpa)

Erstmals seit der Chart-Erfassung im Jahr 1962 stehen ausschließlich deutschsprachige Alben in den Top Ten. Doch was ist das überhaupt für ein Deutsch, das man da hört?

Von Jan Kedves

Was Heinz Rudolf Kunze zu all dem sagt, ist bislang nicht bekannt. Müsste er nicht im Karree springen vor Freude? Er war es schließlich, der 1996 in einem Spiegel-Interview eine Quote von 40 Prozent für deutschsprachige Rock- und Popmusik in Rundfunk und Fernsehen forderte und dafür als spießiger Deutschtümler verspottet wurde. "Dein ist mein ganzes Herz" versus "You're My Heart, You're My Soul" - was klingt wohl besser?

Die Antwort schien immer leicht zu sein. Nun aber hat sich Kunzes Wunsch sogar übererfüllt: Dem Marktforschungsunternehmen GfK Entertainment zufolge stehen in dieser Woche erstmals seit der Chart-Erfassung im Jahr 1962 ausschließlich deutschsprachige Alben in den Top Ten. Selbst in den Achtzigern, zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle, gab es das nicht.

Man könnte nun - wie an mancher Stelle geschehen - ausrufen: "So deutsch waren die Charts noch nie!" Doch warum nicht erst mal genau hinhören und versuchen zu verstehen, was für ein Deutsch das überhaupt ist, das man da hört? Oder vielmehr: in wie vielen Varianten des Deutschen in diesen Top Ten gesungen und gesprochen wird?

Der Refrain ist zweifellos Deutsch

Ein Beispiel: das Rap-Duo Celo & Abdi, Kinder bosnischer und marokkanischer Einwanderer. Die beiden rangieren mit ihrem Album "Bonchance" auf Platz acht und rappen im gleichnamigen Titelstück: "Sd-d-d-döff, step into the world / Bonchance, bunker dein Göt / Gesundheit und Geld / Viel Glück, good luck / Bonchance, gib auf deine Kiste acht."

Doch, diese Zeilen ergeben - über düstere Hip-Hop-Beats gebellt - Sinn. Unsinnig erscheint eher die Frage, welche Sprache in diesem Gemenge aus Englisch, nicht ganz korrektem Französisch, Deutsch und Ghetto-Slang nun denn die tragende Rolle spiele, beziehungsweise ob hier fremdsprachige Slogans "eingedeutscht" werden oder ob die deutsche Sprache von innen ausgebeult wird. Einzig: Es kann keinen Zweifel daran geben, dass dieser Refrain eben Deutsch ist.

Ein reales, nicht nur in Frankfurt problemlos verstandenes Heute-Deutsch, das dem Deutsch anderer Top-Ten-Platzierungen gegenübersteht. Beispielsweise dem der schleswig-holsteinischen Shanty-Band Santiano, die darüber singt, dem "Unhold" zu "trutzen", und die im Übrigen auf ihrem Album "Von Liebe, Tod und Freiheit" auch einige Stücke durchgängig auf Englisch dabeihat - was die Meldung von den komplett deutschsprachigen Album-Top-Ten durchaus relativiert.

Vor allem die deutschsprachigen Rap-Alben in den aktuellen Top Ten beweisen, dass sich Sprache entwickelt. Das ist eigentlich eine Binse, die viele Fans des Hochdeutschen aber nicht gerne hören.

Die Charts helfen ihnen diese Woche auf die Sprünge. Diese Top Ten bringen das Einwanderungsland zum Sprechen, in all seinen kulturellen Facetten und Widersprüchen - ein Land, in dem die ehemaligen Fremden längst ihre eigene Heimat und ihr eigenes Deutsch gebaut haben, während andere, die sich einst englische Künstlernamen gaben (Sarah Connor), sich ihrer "Muttersprache" besinnen.

Die kann inzwischen auch so klingen wie bei Celo & Abdi: "Bonchance, komm schon, vamonos / Rien ne va plus, das Spiel geht gerade erst los."

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