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Theater:Zwangsemphase

Das Heuvolk Theater Mannheim

Sind die beiden nun Schauspielerinnen des Signa-Kollektivs oder Jüngerinnen des Gurus Jacob Philipp Michael Walcott?

(Foto: Erich Goldmann)

Im Paradies für calvinistische Arbeitsethiker: Signa eröffnet mit dem unheimlichen Endzeitszenario "Heuvolk" die Mannheimer Schillertage.

Es sind vorwiegend Frauen, die den Besucher in Empfang nehmen und erzählen, wie das war, als Guru Jake sie so einsam zurückgelassen hat. Aber Gott sei Dank kommt er in sieben Jahren ja anlässlich eines großen Weltenbrandes mit einem Himmelsschiff zurück und dann, so die Überzeugung der Jake-Jünger, werden sie alle zu einem neuen Planeten im Weltall aufbrechen. Angefangen, so erzählen sie, habe das 2001 mit den New Yorker Twin Towers. Da tauchte Jake auf. Verschwunden sei er Anfang des Jahres, und seither arbeiteten sie täglich sehr hart, um all die Zeremonien und Beschwörungen von Gottheiten hinzubekommen, die er ihnen aufgetragen hat.

Das Festival beginnt diesmal in der Geisterstadt einer ehemaligen US-Kaserne

"Heuvolk" nennt das Theaterkollektiv rund um Signa und Arthur Köstler seine neueste raumgreifende Theaterinstallation. Mit der Uraufführung des sechsstündigen Endzeitszenarios wurden die 19. Internationalen Mannheimer Schillertage am vergangenen Freitag eröffnet. Dafür brachte ein Bus erst mal sechzig Menschen raus an den Stadtrand, ins Benjamin Franklin Village, das, so ist im Programmheft zu lesen, bis 2011 "die zentrale Drehscheibe für den Transport von Soldaten und Gütern bei internationalen Kriseneinsätzen" war. Heute ist das Village eine von der US Army zurückgelassene Geisterstadt in der Größe der Mannheimer City und genau der richtige Ort für eines der Zwischenreiche, in denen die europäischen Marktführer des immersiven Theaters den Zuschauer dazu verführen, in eigene und kollektive Angsträume einzutauchen.

Wer am Anfang noch darüber nachdenkt, was das mit Schiller und einem Festival zu tun haben könnte, das dem Werk des Klassikers gewidmet ist, lässt es schnell bleiben. Schließlich gibt es in den nächsten Tagen noch eine Reihe von Gastspielen zu, mit und über Schiller. So reisen die Münchner Kammerspiele mit Andreas Kriegenburgs schon etwas ergrauter "Maria Stuart"-Inszenierung an, die Berliner Schaubühne mit Michael Thalheimers "Wallenstein"- Reduktion. Und schließlich haben die Schillertage auch in den letzten Jahren schon klassikferne Theatermacher wie Rimini Protokoll eingeladen und darauf aufmerksam gemacht, was sich jenseits des Mainstream abspielt.

Vor allem aber: Wer zu Signa geht, wird zwangsläufig zum aktiven Part eines Theaterabends und hat kaum Zeit zum Denken. Zuerst gehst du noch davon aus, du hättest alles im Griff, plötzlich aber merkst du: Die haben dich im Griff, und du wehrst dich nicht, weil du vielleicht Orientierung in einer immer chaotischeren Welt suchst oder in deinem Hang zur individualistischen Isolation so weit gegangen bist, dass da wieder dieser Hunger nach Gemeinschaft ist, nach einer Kirche, einem Glauben oder auch nur einer Gruppe, deren Bindungsstoff die Denunziation von Fremden ist.

Der Spielort draußen im Niemandsland des US-Village ist ein Zweckgebäude: lange Gänge und viele Zimmer auf zwei Etagen, vom Signa-Kollektiv mit muffigen Möbeln geometrisch genau gestaltet. Dass in diesem Paradies für calvinistische Arbeitsethiker nicht mehr die US Army waltet, wird klar, bevor man eines der Horrorkabinette betritt, aus denen ab und zu Schmerzensschreie dringen. Überall hängen Bilder des Sektengründers Jacob Philipp Michael Walcott. Plötzlich kommt aber eine der jungen und eher dürftig bekleideten Frauen auf dich zu, führt dich in eines der Zimmer, verwickelt dich in ein ernsthaftes Gespräche und meint, Jake habe nie gelogen. Auch sie sei überzeugt, dass man gerade in so einer engen Gemeinschaft wie hier allen Schwestern und Brüdern immer alles direkt ins Gesicht sagen müsse, auch wenn das sehr schmerzhaft sei. Spannend wird es, wenn der Gast und potenzielle Himmelfahrer eine konträre Position bezieht. Er macht dann die Erfahrung, dass in dieser eschatologisch hochgerüsteten Gemeinschaft auf keinen Fall aggressiv missioniert wird. Im Gegenteil: Droht es kontrovers zu werden, schmiegt die Sanftmütige sich an dein Bein und liebkost deine Finger, du weißt aber nicht so recht, ob aus ihrem Gesicht in der nächsten Sekunde nicht doch Charles Manson grinst.

Wann muss man die Verabredung, es sei alles nur Theaterspiel, als Zuschauer aufkündigen?

Das funktioniert auch deshalb, weil alles so genau inszeniert ist, dass all die verrückt irrationalen Details der Inszenierung derart selbstverständlich bei dir ankommen, dass du nicht anders kannst, als dich dem Horror dieser zwangsemphatischen Gemeinschaft hinzugeben. Das Signa-Kollektiv hat in den Wochen vor der Uraufführung derart intensiv an den jeweiligen Biografien der Walcott-Jünger gearbeitet, dass alle detailliert erzählen können, wann Jake ihr oder ihm erschienen ist. Jeder dieser Himmelfahrer lebt so in seiner Rolle, dass im Innern der immersiven Farce ziemlich überzeugendes Einfühltheater stattfindet. Man kann sich nur schwer entziehen, verlässt dann aber doch den Raum der sanftmütigen Frauen. Da sind ja noch elf weitere Räume, in denen unter anderem ekstatische Rituale stattfinden. Im Cowboy-Raum verwandeln zwei Männer sich in nackte Rinder und rammeln so enthemmt, dass eine der Besucherinnen ganz ängstlich blickt. Andere sind begeistert und führen das Vodoo-Getier nach draußen zum Grasen. Betritt man das Kabinett der "Lady of one hundred birds", weht dort ein eisiger Scientologen-Hauch. Meint eine der konkurrierenden Himmelfahrerinnen, sie sei Immobilienmaklerin gewesen, habe ihr Vermögen und den Sportwagen aber der Gemeinde vermacht, wird sie gemobbt.

In diesem Raum mutet Signa dem Besucher dann auch eine der Grenzerfahrungen zu, bei denen er sich die Frage stellt, ob er die Theater-Verabredung "Ist ja alles nur Spiel" nicht doch aufkündigen soll. Die ältere Marilena Walcott ist schon etwas kraftlos und bringt nicht mehr den notwendigen zeremoniellen Elan, also wird sie mithilfe aller Anwesenden zwangsernährt. Man denkt an die Waterboarding-Szene in Oliver Frljićs "Arbeit macht frei" am Münchner Residenztheater, meutert dann aber doch nicht, schließlich ist da diese Erwartung, aus dir könnte ein Mitglied der Himmelfahrt-Gemeinde werden. Die Entscheidung fällt in der Kapelle des Benjamin Franklin Village. Alle Zuschauer liegen in weißen Laken aufgereiht an den Wänden. Dass niemand einschläft, hat mit den Walcott-Frauen zu tun. Sie machen sich nackt und schreiten zur rituellen Waschung. Alle warten darauf, dass auch Zuschauer mitmachen. Und tatsächlich. Drei junge Frauen und zwei nicht wesentlich ältere Männer tun es und werden von den Walcott-Menschen mit Gestöhne und Freudenseufzern eingemeindet. Wie es nach der Wiedertäufer-Szene weitergegangen ist, kann leider nicht berichtet werden, wurde das restliche Heuvolk doch unvermittelt und grob zum Gehen aufgefordert. Auch das ist durchaus verständlich, schließlich waren all die lauen Zeitgenossen, die sich nicht der lästigen Kleidung entledigten, doch keine bekennenden Gemeindemitglieder.