Theater Zahnloser Köter

Robert Hunger-Bühler als Professor (r.) mit Kreatur (Fritz Fenne).

(Foto: Tanja Dorendorf)

In Michail Bulgakows Roman "Hundeherz" werden einem Hündchen die Organe eines Kriminellen eingepflanzt. Was als Experiment nicht gut geht, scheitert auch am Zürcher Schauspielhaus. Dort macht Alvis Hermanis aus dem wilden Roman eine Klamotte. Wuff.

Von Egbert Tholl

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis wurde Anfang dieses Jahrtausends zu einem Liebling der deutschsprachigen Theater. Er inszenierte an den größten Häusern, seine Arbeiten wurden auf Festivals herumgereicht und zum Theatertreffen eingeladen, er wurde bewundert für seinen poetischen Realismus und avancierte zu einem Garant für Publikumserfolge.

Dann ereilte Hermanis der Drang, sich über seine Inszenierungen hinaus politisch zu äußern. Ende 2015 sagte er eine geplante Zusammenarbeit mit dem Thalia-Theater in Hamburg ab mit der Begründung, er könne das Engagement des Hauses für Flüchtlinge nicht mittragen, da er das Öffnen der Grenzen für Geflüchtete für extrem gefährlich für Europa halte, da sich unter ihnen Terroristen befänden. Der Vorgang ist genug kommentiert worden, und man könnte ihn auch unter der Erkenntnis subsumieren, dass Künstler außerhalb ihrer Kunst nicht immer die geisteshellsten Dinge von sich geben.

Interessant wird Hermanis' Äußerung, wenn man seine bekennende Hinwendung zum Konservatismus in seinem eigentlichen Betätigungsfeld widergespiegelt sieht. Nun hat Hermanis am Schauspielhaus Zürich, wo er in den vergangenen Jahren immer wieder mal gearbeitet hat, "Hundeherz" inszeniert, den Roman von Michail Bulgakow - und zwar auf der Bühne des Pfauen, der plüschigen Hauptspielstätte des Theaters. Den Roman hat Bulgakow 1925 in einer Phase fiebriger Kreativität hingefetzt, die Sowjetzensur war wenig angetan und verbot das Werk als zu subversiv, als kontrarevolutionär. Vielleicht wurde Hermanis deshalb darauf aufmerksam. In seiner Inszenierung und in seiner eigenen Textfassung - auf Basis der neuen und hervorragenden Übersetzung von Alexander Nitzberg mit dem Titel "Das hündische Herz - domestiziert Hermanis das wilde Buch allerdings zu einem bestenfalls ulkigen Abend, zur Posse, zur Klamotte. Scharf ist hier nichts mehr.

Im Roman ist Professor Filippowitsch auf der Suche nach ewiger Jugend, implantiert einem Straßenköter die Hypophyse und die Hoden eines toten Sowjetrabauken und wundert sich, dass der Hund langsam zu einem eher unfreundlichen Menschen wird, woraufhin er das Experiment rückgängig macht. Das Ganze erzählt Bulgakow aus verschiedenen Perspektiven, im Rhythmus der Großstadt, wüst und mit sehr lustiger Kritik an den Verhältnissen des real herrschenden Sozialismus.

Hermanis bringt Robert Hunger-Bühler als Filippowitsch samt Hündchen in einem erlesenen Salonambiente unter - Bühnenbilder kann er immer noch hervorragend bauen, sie zeigen Theater und Welt gleichermaßen. Hunger-Bühler avanciert dabei zum König des Boulevards, die Geschichte wird ohne Umschweife heruntergespielt, der Menschenversuch zu einem harmlosen, faustischen Experiment. Alle Sowjets erscheinen als Knallchargen, dazu dröhnt als Vollendung harmloser, bürgerlicher Unterhaltung Verdis "Aida", weil der Professor im Roman einmal die Arie "Celeste Aida" erwähnt. Damit ist die Verharmlosung komplett.