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Theater:Welt auf dem Kopf

Szilveszter Ruszó (Zsombor Jéger, rechts) hört vom Tod der Mutter.

(Foto: Mátyás Erdély)

Das eindringliche Antiziganismus-Stück "Látszatélet" des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczós feiert in Oberhausen Deutschlandpremiere.

Von Cornelia Fiedler

76 Minuten, bis der Notarzt kommt? Dass der Tod hier einkalkuliert ist, ist allen klar. Doch der Anruf kommt nun einmal aus einem Roma-Viertel. "Rückten wir in solchen Fällen immer gleich aus, ginge das ungarische Volk unter", erläutert die anonyme Telefonstimme lapidar. Es ist ein Moment, der einem ganz beiläufig den Boden unter den Füßen wegzieht - so wie institutioneller, zur Normalität gewordener Rassismus eben funktioniert. Statt mit der gewohnten Provokation und Gewalt auf der Bühne überrascht der renommierte ungarische Theater- und Filmregisseur Kornél Mundruczó in "Látszatélet - Imitation of Life" mit einem leisen, intimen Blick auf Einzelschicksale.

Mundruczó und sein unabhängiges "Proton Theater" entwickeln ihre Stücke als internationale Koproduktionen, diesmal unter anderem mit den Wiener Festwochen und dem experimentierfreudigen Theater Oberhausen. Staatliche Förderung für unbequeme Theatermacher gibt es in Ungarn nicht mehr. In seinen drei Miniaturen beobachtet Mundruczó nun unter dem Brennglas, wie die ungarische und wohl auch die europäische Gesellschaft zunehmend nach rechts taumelt.

Am Anfang ist da nur der wissende, tränenmüde Blick von Lili Monori als Witwe Ruszó in bühnenfüllender Großaufnahme. Der bullige Geldeintreiber eines Inkassobüros, Roland Rába, bedrängt sie mit Fragen, filmt ihr frontal ins Gesicht. Sie bleibt herausfordernd ruhig, kennt ihre Rechte, weigert sich, die kleine Wohnung zu räumen. Aus Trotz beginnt sie zu erzählen, von den "Zwangswaschungen" für Roma früher; von ihrem Sohn, der seine Abstammung verleugnet und weggelaufen ist; vom Ehemann, der ihr zum Trost eine Ente fangen wollte und dabei zu Tode kam. Wie komisch sich Menschen verhalten, je hilfloser sie werden, wird zu einem heimlichen Leitmotiv der Inszenierung. Als Frau Ruszó zusammenbricht, bekommt der besorgte Geldeintreiber übersprungsartig Hunger - statt der rettenden Sirene erklingt das "Ping!" der Mikrowelle.

Zweimal verhüllt ein Vorhang aus Regen die Bühne, neblige Kälte kriecht ins Publikum. Darauf erscheinen geisterhaft Erinnerungen, die Mutter irrt durch ein Hotel, findet den Sohn, kann sein, dass er sich hier prostituiert, sie streiten, er bleibt. Irgendwann wird er in einer weiteren Regenprojektion zurückkehren, wenn längst neue Mieter und neue Gewalterfahrungen in die alte Wohnung eingezogen sind.

Als Mutter Ruszó stirbt, gerät die Welt wortwörtlich aus den Fugen. Die vollgestopfte Guckkastenwohnung mit Resopal-Charme (Bühne: Márton Ágh) neigt sich ganz langsam nach rechts, Tisch und Stühle rutschen, poltern, fallen. Weiter und weiter dreht sich das Zimmer, Bügeleisen und Stehlampe hängen bald nur noch an den Kabeln quer in der Luft; Kleidung, Essen, Besteck, Möbel stürzen durch den Raum, der sich in fast zehn Minuten einmal komplett um die eigene Achse dreht. Die unaufhaltsame Verwüstung, scheinbar ohne menschliches Zutun, entwickelt eine quälende Faszination. Ein unvergessliches Bild für das Wirken von gesellschaftlichen Prozessen, von Ausgrenzung, von Armut.

© SZ vom 07.06.2016
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